So viele Kandidaten wie nie zuvor, drei davon, die die Bundesregierung entlassen wollten und einer, der nicht weniger als eine Gesellschaftsrevolution anstrebte. Mit den multiplen Krisen im Hintergrund deutete viel auf eine Protestwahl hin - bis zur ersten Hochrechnung. Denn eine echte Protestwahl sieht anders aus, nämlich eher wie 2016, als die Kandidaten der beiden damaligen Regierungsparteien auf zusammen 22 Prozent kamen und am Ende ein Grüner gewann.

Dieser (ehemalige) Grüne, Amtsinhaber Alexander Van der Bellen, machte diesmal mit 56,2 Prozent laut Hochrechnung schon im ersten Wahlgang alles klar. War sein Erfolg vor sechs Jahren noch ein unmissverständliches Zeichen gegen die damalige rot-schwarze Koalition, liest Günther Ogris vom Sora-Institut Van der Bellen diesmal als "Mitte-Kandidat und Teil der Großen Koalition". Denn die allermeisten Wählerinnen und Wähler kamen aus dem Pool jener, die bei der Nationalratswahl 2019 SPÖ oder ÖVP gewählt hatten. "In Wien war die SPÖ-Wählerschaft besonders geschlossen für Van der Bellen", sagt Ogris.

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Im Wahlkampf hatten seine Herausforderer den Bundespräsidenten als Teil des Establishments gebrandmarkt. Auch Dominik Wlazny, allerdings viel subtiler. Er zweifelte öffentlich die Unabhängigkeit Van der Bellens an, da dieser über Jahre Parteichef der Grünen war, die nun seit zwei Jahren in einer Regierung sitzen.

Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung der türkis-grünen Koalition mittlerweile nicht mehr vertraut, sie laut Ogris nur mehr von 36 Prozent akzeptiert wird, lag das Ergebnis des von beiden Regierungsparteien unterstützten Kandidaten sehr deutlich darüber. Und ein stiller Protest in Form des Fernbleibens fand auch nicht wirklich statt. Die Wahlbeteiligung wird nach Vorliegen des Endergebnisses (nach Redaktionsschluss) nur leicht unter jener vom ersten Wahlgang 2016 liegen.

Das Hofer-Lager fundierte in alle Richtungen

Dass der Amtsinhaber laut der Sora-Wählerstromanalyse 84 Prozent seiner Unterstützer von 2016 erneut für sich gewinnen konnte, ist nicht überraschend, wohl aber, wie sich die Wählerinnen und Wähler von Norbert Hofer in alle Richtungen zerstreut haben. Nur 32 Prozent blieben der FPÖ und ihrem Kandidaten, diesmal Walter Rosenkranz, treu. Das waren zwar die meisten, aber nicht viel weniger stimmten diesmal für Van der Bellen, nämlich 26 Prozent oder fast 500.000 Personen.

Auch Tassilo Wallentin, Gerald Grosz und sogar Wlazny konnten mehr als 150.000 ehemalige Hofer-Wähler lukrieren, Wallentin sogar 250.000. Es zeigt, dass rechts der Mitte viel Potenzial vorhanden ist, auf das diesmal aber gleich mehrere Kandidaten abzielten. Hofer war, wie die 2016er-Wahl bewies, absolut anschlussfähig für das bürgerliche Lager. Ihn unterstütze damals sogar öffentlich ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka. Umgekehrt war aber auch ein Jahr später Sebastian Kurz für die FPÖ-Wählerschaft anschlussfähig.

Der eine ist nun politische Geschichte, der andere, Hofer, ist zumindest für die FPÖ-Linie nicht mehr formgebend. Herbert Kickls Linie ist radikaler, das schreckt offenbar viele ab. "Das gibt der ÖVP in Niederösterreich und Salzburg eine Gelegenheit", so Ogris.

Seine Daten zeigen auch, dass "Krone"-Schreiber Wallentin für die ÖVP eine bedeutend größere Gefahr ist als für die FPÖ. Von der blauen Wählerschaft 2019 - und nach Ibiza war das nur mehr die Kernklientel - votierten diesmal mehr für den linksliberalen Wlazny als für Wallentin, der 65 Prozent seiner Stimmen von ÖVP-Wählern von 2019 erhielt. Der Anwalt sprach am Sonntag davon, dass er, umgelegt auf eine Nationalratswahl, einen "Erdrutschsieg" eingefahren habe. Manche Beobachter rechnen auch damit, dass er bei der kommenden Nationalratswahl mit eigener Liste antreten will.