Es wird als Abrechnung des jüngsten Bundeskanzlers dieser Republik marktschreierisch beworben. Ab dem heutigen Samstag liegt das 236-Seiten-Werk "Reden wir über Politik" im Buchhandel auf. Es gibt Gespräche der Kronen Zeitungs-Journalistin Conny Bischofberger in 24 Kapiteln in gedruckter Form gebündelt wieder, wie sie die Autorin früher über Jahre mit Kurz für die Sonntags-Ausgabe des Mediums geführt hat. Abrechnung ist es allerdings keine, es gibt, wie auch gleich eingangs richtigerweise erwähnt wird, die "Sicht" des einstigen ÖVP-Hoffnungsträgers, ehemaligen Regierungschefs in Österreich und seine Motivationen wider. Er redet darin weniger über Politik, sondern praktisch ausschließlich über sich selbst.

Ein Jahr nach seinem aufgrund des wachsenden Drucks durch laufende Ermittlungen der Justiz erzwungenen Rücktritts als Bundeskanzler und zehn Monate nach seinem Abschied aus der Politik lässt Kurz vor allem die Stationen seiner zehnjährigen Karriere in der Spitzenpolitik Revue passieren. Von seinen Treffen mit dem legendären, weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannten früheren Formel-1-Weltmeister und späteren Unternehmer Niki Lauda, der ihm Mut zum Einstieg gemacht hat, über sein Verhältnis zum bisher letzten, von ihm vom Ballhausplatz verdrängten SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern, bis zum Abschied aus der Politik, der nach seiner Darstellung bei der Geburt seines Sohnes Konstantin gereift ist, reicht im Wesentlichen der Bogen.

Kurz' Sicht auf Chats von Thomas Schmid

Besonders interessant ist naturgemäß die Sicht von Kurz auf jene Chats seines engen Vertrauten und Ex-Generalsekretärs im Finanzministerium, Thomas Schmid, die ihn letztlich politisch zu Fall gebracht haben. Kurz stellt sich, wie schon zu seinen Amtszeiten, als Opfer der Justiz, konkret der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft dar. Auch ein Jahr danach gebe es noch keine Anklage. Was Fehler betrifft, kommt er im Vorspann zum Kapital Chats inzwischen zum Schluss: "Rückblickend gesehen war es wahrscheinlich ein Fehler, sich mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft anzulegen. Zumindest für mich persönlich." Er sei "viel zu gelassen" in den Ibiza-Untersuchungsausschuss hineingegangen, dort handelte er sich ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Falschaussage ein – es gilt die Unschuldsvermutung.

Was die Chats betrifft, so gebe es nur eine einzige Nachricht, die man ihm vorwerfen könne, dass er "bestätigend geschrieben" habe, sein ÖVP-Obmannvorgänger Reinhold Mitterlehner sei ein "Oasch". Kurz verteidigt dies in erster Linie damit, dass Mitterlehner zuvor ein ganzes Buch geschrieben habe, in dem ihn dieser "sehr negativ dargestellt" habe. Die Debatte zeige aber eine "gewisse Scheinheiligkeit": Ob er denn der Einzige sei, der schon einmal einen Kraftausdruck verwende habe? Im Zusammenhang mit den Chats stellt er weiters fest, die Aufforderung an Schmid, "gib Gas" bezüglich steuerlicher Sonderrechte der katholischen Kirche, würde er nicht noch einmal verwenden. Kurz führt das auf scharfe Kritik von "gewissen Vertretern der Kirche" an den Reformplänen der türkis-blauen Bundesregierung bei der Mindestsicherung und einer Sicherungshaft für straffällige Asylwerber zurück, weil dies mit totalitären Regimen verglichen worden sei. Er habe aber in seiner ganzen Zeit in der Politik gut mit der katholischen Kirche "zusammengearbeitet".

Erinnerungen an Wahlsieg 2017

Wenig Neues erfährt man in den Erinnerungen von Kurz an die Zeit bei seinem Wahlsieg mit der ÖVP bei der Nationalratswahl 2017. Ein Gespräch mit dem geschlagenen SPÖ-Kanzler und Spitzenkandidaten Kern führt er als Beweis an, dass dieser nicht unter ihm Vizekanzler werden wollte und die SPÖ bereits an einer rot-blauen Koalition gebastelt habe. Das war auch schon seinerzeit zu hören, auch, dass sich Kurz eine Koalition mit der SPÖ unter dem früheren Verteidigungsminister und jetzigen SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil vorstellen hätte können. Politisch interessierte Menschen erinnern sich freilich auch daran, dass der seinerzeitige Innenminister und jetzige Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka in der SPÖ-ÖVP-Regierung mit Kurz als Außenminister so etwas wie die Rolle des Querschlägers und Sprengmeisters innehatte, um diese öffentlich als Streit- und Stillstands-Variante erscheinen zu lassen.

Gerade einmal in "fünf Gedanken" widmet sich Kurz im abschließenden Kapitel der "Welt von morgen". Dass reicht davon, dass diese Welt "mehr als nur Europa" sei, bis dazu, dass "Pessimismus nicht hilft, im Gegenteil". Wer schon in der Vergangenheit von den Heilsbotschaften und der Politik von Kurz begeistert war, wird sich durch diese Form der frühen Biografie bestätigt fühlen. Andere werden sich an eine seinerzeitige Waschmittelwerbung erinnert fühlt, in der es hieß, dieses Produkt "zwingt Grau raus und Weiß rein".