Ein "österreichisches Unikum" ist es für den Sektionschef im Wissenschaftsministerium, Elmar Pichl. Das Problem sei die Erwartung, Österreichs Universitäten sollten eine "eierlegende Wollmilchsau" mit Zugang für alle und Topplätzen in internationalen Rankings sein, analysiert der Vizepräsident der Universitätenkonferenz (Uniko), der Rektor der Klagenfurter Universität, Oliver Vitouch.

Ministerium wie Rektoren gibt eine neue IHS-Studie gehörig zu denken. Demnach ist knapp die Hälfte (48 Prozent) der Studenten nicht prüfungsaktiv. Das bedeutet, sie machen gar keine Prüfungen oder erbringen weniger als die mindestens geforderten ECTS-Punkte pro Studienjahr. Es war die zweite Hiobsbotschaft für den Hochschulbereich binnen weniger Tage nach der kalten Dusche durch Wissenschaftsminister Martin Polaschek. Denn im Unibudget sind nur 500 Millionen statt der zusätzlich geforderten 1,2 Milliarden Euro wegen gestiegener Energiepreise und Mieten für 2022 bis 2024 veranschlagt.

Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte sind hinten

Die 200 Seiten dicke Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) hat es in sich. An den 13 größten der 22 öffentlichen Universitäten waren im Studienjahr 2019/20 - dafür liegen aktuelle Daten vor - nur 52 Prozent der Studenten "prüfungsaktiv", 48 Prozent nicht. Knapp jeder zweite Student in Bachelor- und Diplomstudien absolvierte keine Prüfung oder kaum eine Prüfung, nämlich weniger als die 16 ECTS-Punkte.

Zur Orientierung: Im Studienjahr 2019 gab es an Österreichs Universitäten rund 270.000 ordentliche Studierende. Insgesamt waren laut Wissenschaftsministerium an allen Unis (nicht nur an den 13 untersuchten) rund 185.000 Hörer prüfungsaktiv.

Die Auswertung zeigt, wie IHS-Expertin Bianca Thaler erläuterte, zwischen den Studien allerdings signifikante Unterschiede. In den Fächern Philosophie, Kunstgeschichte, Theologie und Statistik sowie Wirtschaftsrecht war der Anteil der Studentinnen und Studenten, die keine oder kaum Prüfungen positiv absolvierten, mehr als 60 Prozent. Im Gegensatz dazu standen Fächer, bei denen es wegen des großen Andrangs an Bewerbern Aufnahmetests gibt. Dazu zählen Medizin, Veterinärmedizin, aber auch Psychologie mit Prüfungsraten um oder jenseits der 90-Prozent-Marke.

Bei jenen mit gar keinen oder nur wenigen Prüfungen wird in drei Gruppen unterteilt. Gruppe eins: Häufig zeichnet sich das Ende der Studienkarriere bereits im ersten Jahr ab. Mehr als ein Viertel, 27 Prozent, war im ersten Studienjahr nicht prüfungsaktiv und hat danach das Studium abgebrochen. Oft wurde keine einzige Prüfung abgelegt, es handelte sich um sogenannte "no shows". Die Möglichkeit, diese zu aktivieren, wird als gering eingeschätzt.

Gruppe zwei: Ein recht heterogener Teil der Studenten weist eine geringe Prüfungsaktivität und in der Folge eine lange Studiendauer auf. Die Gründe sind unterschiedlich: nebenbei arbeiten, gesundheitliche Probleme, fehlende Motivation, auch die Studienbedingungen. Für dieses Spektrum gebe es viele Möglichkeiten, die Studenten zu unterstützen, um den Studienerfolg zu verbessern.

Schwierige Prüfungen vor dem Abschluss

Gruppe drei: Dieser Teil der Studierenden machte sogar teils sehr viele Prüfungen, dann aber plötzlich nicht mehr - was häufig im fortgeschrittenen Studienverlauf passierte, entweder wegen persönlicher Schicksalsschläge oder wegen schwieriger Prüfungen vor dem Abschluss. In diesen Fällen wird die Möglichkeit, diese zu aktivieren, als hoch eingeschätzt, aber die Studierenden selbst sagen, sie bräuchten wenig Unterstützung von den Unis.

Was tun mit diesen Ergebnissen? Wo den Hebel ansetzen? Man könne all das "nicht negieren", stellt Sektionschef Pichl fest. Denn dieses Bild "trübt" die Leistungsaktivität der Unis und wirkt sich nachteilig für die heimische Bildung in internationalen Vergleichen aus. Es bestehe Handlungsbedarf, es handle sich aber um "ein komplexes Phänomen".

Der Vizerektorenchef verlangt in erster Linie einen klaren Auftrag, was die Gesellschaft und die Politik von den Universitäten wollen. "Wir haben leider keine klare Definition des Auftrags", beklagt Vitouch. Die Uni-Chefs sehen sich in einer Zwickmühle. Denn einerseits führe der in den 1970er Jahren eingeschlagene Weg des offenen Zugangs für alle nicht notwendigerweise zu einem zügigen Studium. Andererseits gebe es den Wunsch, dass heimische Universitäten mit Eliteeinrichtungen wie Havard konkurrieren. "Wir wollen effizient sein", betont Vitouch. Er formuliert es mit Hinweis auf die Aufnahmekriterien an den Kunstunis bewusst spitz: "Niemand erwartet, dass jemand an eine Kunstuniversität geht, um ein bisschen Gitarre zu spielen."

Vitouch macht kein Hehl daraus, dass er einen Weg mit bestimmten Aufnahmekriterien für ein Studium bevorzugt. Bei einigen Studien ist das, wie etwa bei Medizin, durch Aufnahmetests der Fall. Der Rektor der Klagenfurter Universität geht sogar noch einen Schritt weiter und rüttelt daran, ob die Matura weiter alleinige "Eintrittskarte" an die Universitäten sein solle. In Österreich dürfe und könne man mit einer Reifeprüfung sehr viel machen. Mit der Matura habe man gleichsam "das goldene Los".

"Wir kriegen das Geld nur für die, die prüfungsaktiv sind"

Für die Universitäten geht es mit einer klaren Definition des Auftrags letztlich vor allem auch um die finanziellen Auswirkungen für die Budgets, die in Österreich zwischen den formal autonomen Universitäten und dem Staat in Person des Wissenschaftsministers mit Leistungsvereinbarungen nun jeweils für drei Jahre abgeschlossen werden. Diese Mittel werden aufgrund der Prüfungsaktivität vergeben. "Wir kriegen das Geld nur für die, die prüfungsaktiv sind", erläutert der stellvertretende Uniko-Präsident. Umso mehr Bedeutung käme einem Hebel zu, damit nicht nur jeder zweite Student überhaupt Prüfungen macht oder nur selten macht.

Gerade in diesen Tagen hat die Vorlage des Budgets durch Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) am Mittwoch der Vorwoche im Nationalrat den Scheinwerfer voll auf die finanzielle Dotierung der Hochschulen gerichtet. Die Uniko hat wegen der starken Erhöhung der Energiepreise und höherer Mieten im September die Forderung nach einer Erhöhung der Finanzmittel für die Unis um 1,2 Milliarden Euro deponiert.

Deswegen hat die Tatsache, dass Wissenschaftsminister Polaschek eine Anhebung um 500 Millionen Euro zugestanden und dies als Erfolg bezeichnet hat, für Empörung und Protest bei der Präsidentin der Uniko, der Rektorin der Technischen Universität Wien, Sabine Seidler, gesorgt. Der für den öffentlichen Dienst und damit für die Gehälter zuständige Vizekanzler Beamtenminister Werner Kogler (Grüne) hat daraufhin noch ein Gespräch mit Seidler in Aussicht gestellt.

Das von Brunner geführte Finanzministerium dämpft allerdings die Hoffnungen. Das Uni-Budget sei bereits "massiv erhöht" worden, wurde der "Wiener Zeitung" im Büro des Finanzministers grundsätzlich samt Hinweis auf die Details erklärt.

Finanzministerium verweist auf Budgetsteigerungen

So wurde betont, dass mit einem "akkordierten Teuerungsausgleich" in Höhe von 250 Millionen Euro jährlich über den gesamten Zeitraum des Bundesfinanzrahmens für die Jahre von 2023 bis 2026 diese Summe zur Verfügung gestellt werde. In Summe würden die Universitäten somit eine Milliarde Euro zusätzlich in diesem Zeitraum erhalten.

Weiters macht das Finanzministerium geltend, dass im Zuge der Verhandlungen zum Universitäten-Gesamtbetrag für die Jahre 2022 bis 2024 ohnehin schon eine Steigerung des Universitätsbudgets in Höhe von 1,39 Milliarden Euro verglichen zur Leistungsvereinbarung für den Zeitraum 2019 bis 2021 erfolgt sei. Das entspreche einer durchschnittlichen Steigerung von 463,6 Millionen Euro pro Jahr. Ausgehend vom Universitätsbudget für 2022 mit knapp mehr als vier Milliarden Euro entspreche der bereitgestellte Teuerungsausgleich einer weiteren Valorisierung von rund 6,2 Prozent. Für 2023 sei nun eine Valorisierung von 8,2 Prozent berücksichtigt.