Der österreichweite Equal-Pay-Day ist heuer am 30. Oktober. Frauen arbeiten also im Jahr 2022 im Vergleich zu Männern 63 Tage "gratis". Oder anders erklärt: Männliche Vollzeitbeschäftigte haben bereits an diesem Tag im Durchschnitt das verdient - konkret 45.831 Euro brutto -, wofür weibliche Vollzeitbeschäftigte im Durchschnitt bis Jahresende arbeiten müssen. Das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen von Männern liegt in Österreich bei 55.261 Euro. Der Gender-Pay-Gap, der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern in ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung, beträgt heuer 17,1 Prozent.

Damit schließt sich die Einkommensschere - wenn auch langsam. 2010 war bereits am 29. September Equal-Pay-Day. Allerdings haben Vorarlbergerinnen gegenüber den Männern in ihrem Bundesland mit einem Einkommensunterschied von 24,7 Prozent und einem Bundesländer-Equal-Pay-Day am 2. Oktober noch deutlich länger das Nachsehen als etwa Wienerinnen: Da beträgt der Unterschied "nur" 12 Prozent, der Wiener Equal-Pay-Day ist damit am 18. November.

Arbeiterkammer und ÖGB fordern Ende der Care-Krise

"Frauen entgehen über 9.000 Euro pro Jahr, in einem Arbeitsleben von 40 bis 45 Jahren ist das rund eine halbe Million Euro", rechnet Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin und -Frauenvorsitzende, vor. Laut Schumann brauche es bundesweit mehr Mittel für die Kinderbetreuung. Für Frauen wichtig sei aber auch ein kollektivvertraglicher Mindestlohn von 2.000 Euro und mehr Lohntransparenz. "Ein gutes Instrument dafür sind Einkommensberichte", sagt Schumann, "diese müssen aber verbessert und ausgeweitet werden, etwa durch spürbare Sanktionen bei Nichterstellung."

Die Arbeiterkammer macht zudem auf einen krisenbedingten Effekt des Jahres 2020 im Beobachtungszeitraum für den heurigen Equal-Pay-Day aufmerksam: Viele Männer verloren damals durch Kurzarbeit und weniger Überstunden Einkommen. Bei den Frauen verloren eher Geringverdienerinnen ihre Vollzeitarbeit, während Besserverdienende ihre Jobs behielten: Weil solche angleichenden Effekte weder wünschenswert noch nachhaltig sind, sondern in einem herkömmlichen Jahr "ganz schnell wieder verschwinden", fordert AK-Präsidentin Renate Anderl am "eigentlichen Problem, an dem sich nichts geändert hat", zu arbeiten: an der Care-Krise.

Auch der AK geht es nicht nur um Kinderbetreuungsangebote, die beiden Elternteilen eine Vollzeitarbeit ermöglichen, sondern um eine bessere Bezahlung in Care-Berufen wie zum Beispiel in der Elementarpädagogik oder der Pflege. Der Bruttostundenlohn in Betreuungsberufen mache 13,70 Euro aus, in der Technik 20,10 Euro, "also fast um 50 Prozent mehr", sagt Anderl: "Wenn wir den Gender-Pay-Gap nachhaltig schließen sollen, müssen wir zuerst die Care-Krise lösen."

Noch größere "Tragik eines Frauenerwerbslebens"

Der Städtebund macht anlässlich des Equal-Pay-Days darauf aufmerksam, dass sich an diesem Tag nicht der gesamte Einkommensunterschied zeigt. "Die Tragik eines Frauenerwerbslebens zeigt sich in ihrer ganzen Bandbreite bei der Pension", heißt es in einer Aussendung, denn erst da werden Phasen mit unbezahlter Arbeit und lange Teilzeiterwerbsphasen sichtbar, der Unterschied betrage 41,07 Prozent. "Eine Stunde Frau ist nicht gleich eine Stunde Mann - im Gegenteil", sagt deshalb Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin Kathrin Gaál in der gemeinsamen Aussendung. Und: "Unbezahlte Arbeit ist gerecht zwischen den Geschlechtern aufzuteilen, ohne Wenn und Aber", sagt Städtebund-Generalsekretär Thomas Weninger.

Gundi Wentner, Partnerin bei Deloitte Österreich, holt auch noch die Unternehmen mit ins Boot: Heterogene Teams profitieren nicht nur von unterschiedlichen Perspektiven, sondern haben auch ein geringeres Konkurrenzdenken. Das steigert die Effizienz. "Eine ausgeglichene Zusammenstellung von Teams macht sich bezahlt", rät sie.