November-Idylle. Der Nebel hüllt sanft ein Wäldchen ein, dahinter ist ungarisches Staatsgebiet. In der Ferne taucht schemenhaft eine Menschengruppe auf, die auf dem Weg zwischen umgepflügten Äckern und Feldern mit Wintersaat näher kommt. Gleich neben dem Güterweg eineinhalb Kilometer außerhalb von Nikitsch im burgenländischen Bezirk Oberpullendorf wacht ein Bundesheersoldat über drei Flüchtlinge, die gerade vor dem Eintreffen der "Wiener Zeitung" aufgegriffen worden sind.

Drei Männer kauern im Schneidersitz auf dem Boden. In Anoraks, schon ausgestattet mit FFP2-Corona-Schutzmasken. Die größere Gruppe der Aufgegriffenen marschiert hinter einem Soldaten langsam näher. Alltag an der Ostgrenze im Mittelburgenland. 300 bis 400 Flüchtlinge werden derzeit im Burgeland pro Tag aufgegriffen, bis vor kurzem waren es an wärmeren Tagen im Schnitt 700 bis 750 Menschen, die ihr Heimatland verlassen haben und an der burgenländisch-ungarischen Grenze gestrandet sind.

Vor Übergabe an die Polizei wird alles versiegelt

Zwei Afghanen und ein Inder sind es, die schon auf der Erde hocken und warten, ist später im burgenländischen Militärkommando zu erfahren, das für den Assistenzeinsatz zuständig ist und die Polizei damit an der Grenze unterstützt. Bei der Gruppe, die näherkommt, handelt es sich um 13 Inder, einen Pakistani und einen Mann aus Bangladesh, wie der Presseoffizier des Militärkommandos Burgenland, Robert Kulterer, später auf Anfrage erläutert.

Damit werden Aussagen von Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) bestätigt, der seit Wochen beklagt, es handle sich aktuell zu einem großen Teil um Inder. Sie schlagen sich nach Österreich durch, haben aber praktisch keine Chance auf Asyl. Dennoch würden gerade Männer aus Indien die Organisation der Flüchtlingsbetreuung belasten.

Nach der Ausgabe von Handschuhen und Corona-Masken werden die Aufgegriffenen durchsucht, ob sie Waffen oder als Waffe einsetzbare Gegenstände bei sich tragen. Auch Handys werden konfisziert, all das wird vor den Augen der Flüchtlinge versiegelt und mit Unterschrift in ein Papiersackerl gegeben, bevor die Soldaten die Männer der Polizei zur Erstregistrierung übergeben. Diese hat in der Folge mit der Bundesbetreuungsagentur (BBU) für die Aufteilung der Flüchtlinge in ganz Österreich zu sorgen. Das hat zuletzt für Schwierigkeiten und wegen des Aufstellens und der Unterbringung in Zelten für Empörung gesorgt.

Christian Balogh (SPÖ), dem Bürgermeister von Nikitsch, geht es darum, dass jene, die über die nahe Grenze aus Ungarn kommen, draußen im freien Gelände abgefangen werden. "Ich will nicht, dass die Flüchtlinge in der Ortschaft herumspazieren", sagt er und verweist speziell auf den Schutz auch der Schulkinder. "Ich will nicht abwarten, dass irgendwas passiert." Mit dem Einsatz der Soldaten in der Grenzregion ist er jedenfalls zufrieden: "Das Bundesheer ist eh dahinter", bescheinigt Balogh dem Militär.

Seit Mai ist er Bürgermeister und damit Nachfolger seines Vaters, der drei Jahrzehnte lang diese Funktion ausgeübt hat. Knapp 1.400 Einwohner zählt Nikitsch, es ist jene Gemeinde mit dem größten Anteil an Burgenland-Kroaten.

Während das Bundesheer außerhalb des Orts den Aufgriff macht, ist es selbst in der Hauptstraße des Straßendorfs ganz ruhig. Die Jungen sind fort in der Arbeit, die Älteren bei sieben Grad Außentemperatur in den Häusern oder in dem schmucken Pflegeheim an der Hauptstraße. Einsam zieht ein schwerer Traktor seine Spuren auf einem Acker. Im Gemeindehaus herrscht aber reger Betrieb. Hier werken Arbeiter an einem umfangreichen Umbau. Wirtshaus hat unter der Woche zu Mittag keines mehr offen, der Gasthof Mersits an der Kreuzung steht wie ein stummes Mahnmal verlassen da.

Als Hinweis, dass die Bevölkerung nicht ausländerfeindlich ist oder generell Flüchtlingen feindselig gegenübersteht, wird an das Jahr 1989 erinnert. Damals noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs zu Ungarn wurden zig Flüchtlinge aus der noch existierenden DDR aufgenommen und verköstigt. Später kamen dann im Krieg im seinerzeitigen Jugoslawien Bosnier.

Freude über das Heer und Hoffnung auf Doskozil

Im nur ein paar Kilometer entfernten Deutschkreutz ist ein Kaffeehaus Anziehungspunkt für eine Runde von Pensionistinnen und einen Mann, der, wie viele hier in der Gegend, früher in Wien gearbeitet hat. Sie alle machen kein Hehl daraus, dass sie froh sind über die Präsenz des Bundesheers. Werden Flüchtlinge gesichtet, wird Polizei oder Bundesheer angerufen. Im Sommer seien einmal mehrere Männer in der Früh direkt vor ihrem Haus im Ort gestanden, schildert eine Seniorin.

"Die Frauen haben schon Angst", sagt ihr Mann. Das könne man und solle man schreiben, ergänzt er. Passiert sei aber hier noch nichts, auch nicht "sexuell", wird unter Bezug auf Vergewaltigungen, die Asylwerbern in Wien zu Last gelegt werden, betont. Eine Verhaltensänderung wird wie auch in Nikitsch von den Einwohnern aber registriert. "Es geht keiner mehr am Abend raus", erzählt die Tischrunde im Kaffeehaus.

Eines ist unüberhörbar: Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) spricht dieser Generation im Gegensatz zu SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner, die im Sommer noch kein Asylproblem gesehen hat, aus der Seele. Er hat das Krisenmanagement von Innenminister Karner kritisiert. "Wir zählen auf ihn", sagt die Pensionistin.