"Eine intensivere Betreuung von Arbeitslosen durch mehr Beratungspersonal verkürzt die Arbeitslosigkeit. Sie beschleunigt die Aufnahme einer Beschäftigung und spart obendrein Kosten." So beschreibt Rainer Eppel die Ergebnisse der gemeinsamen Wifo-Evaluierung eines AMS-Pilotprojekts mit Helmut Mahringer und René Böheim.

Konkret wurde dabei in der Beratungszone des AMS Wien Esteplatz bei einer Gruppe Arbeitsloser der Schlüssel der Beraterinnen und Berater im Verhältnis zu Arbeitslosen von vormals 1 zu 250 auf 1 zu 100 erhöht. Die Folge: Die Beratung hatte häufiger Kontakt mit den Arbeitssuchenden als in der Kontrollgruppe. Arbeitslose erhielten mehr Vermittlungsvorschläge als die Menschen, bei denen der Betreuungsschlüssel unverändert blieb. Das Budget aus der Arbeitsmarktförderung etwa für Kurse, um zusätzliche Qualifikationen zu erwerben, erhöhte sich. Im Pilotprojekt gab es zudem häufiger Sanktionen wie AMS-Geld-Sperren, wenn Termine nicht eingehalten oder Arbeitsstellen verweigert wurden.

Abgangsrate erhöht sich

Dieser Mix führte dazu, dass sich die Abgangsrate aus der Arbeitslosigkeit innerhalb eines Jahres um 7,7 Prozentpunkte auf 60 Prozent erhöhte. Der Anteil jener, die aus der Arbeitslosigkeit in einen Job wechselten, erhöhte sich um 4,8 Prozentpunkte auf 25 Prozent. Der Anteil derer, die sich ohne Arbeit vom AMS abmeldeten, erhöhte sich um 3,0 Prozentpunkte auf 26 Prozent. Außerdem verringerte sich die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit um 62 Tage.

Ähnliche Effekte hatte auch die Geschäftsstellenreform des AMS in Niederösterreich, die mit Mai 2022 abgeschlossen wurde. In den nunmehr 22 Geschäftsstellen teilen sich 222 Arbeitslose eine Beraterin oder einen Berater. Davor waren es 350. Außerdem gibt es nun 16 Spezialschalter für Langzeitarbeitslose mit einem Betreuungsverhältnis von 1 zu 70.

"Die Langzeitarbeitslosigkeit sinkt bei uns in Niederösterreich vier Mal so schnell wie im Rest von Österreich", sagt Sven Hergovich, Geschäftsführer des AMS Niederösterreich, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Außerdem entsteht auch weniger Langzeitarbeitslosigkeit, weil die Menschen schon am Beginn ihrer Arbeitslosigkeit viel schneller in Jobs vermittelt werden."

Mehrkosten rechnen sich

"Die Intensivierung der Betreuung hatte keine Auswirkungen auf das Monatseinkommen in der neuen Arbeit", sagt Eppel auf Nachfrage der "Wiener Zeitung". Arbeitslose könnten wegen des höheren Drucks Jobs für ein geringeres Einkommen aufnehmen; das Matching zwischen Arbeitslosem und neuem Job könnte sich auch verbessern. "Möglicherweise gleichen sich diese gegenteiligen Effekte auch aus", sagt Eppel.

Unter jenen, die sich ohne Arbeit vom AMS abmeldeten, sind viele, die bereits länger arbeitslos waren, vermehrt Frauen und Ältere. Wovon sie leben, wisse man nicht. Eppel vermutet, dass es sich bei den Frauen vermehrt um Zuverdienerinnen handelt, die nach der Abmeldung vom Einkommen ihres Partners leben. Bei den Älteren könnten sich einige kurz vor ihrer Pensionierung abgemeldet haben. Sozialhilfe ist es jedenfalls nicht, da sie für den AMS-Bezug davor arbeitsbereit sein mussten.

Klar ist aber, dass sich die Mehrbetreuung für Staat und Arbeitslosenversicherung mit 1.075 Euro pro Person rechnet: Die Personalaufstockung kostete 163 Euro pro Person; mit 227 Euro mehr Arbeitsmarktförderung macht das 390 Euro Mehrkosten. Dem stehen aber 755 Euro weniger ausbezahltes Arbeitslosengeld, 159 Euro mehr durch Einkommenssteuern und 551 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen gegenüber. Trotzdem bleibe dieses "Potenzial ungenutzt", sagt Eppel: "Obwohl die Fallbelastung immer noch hoch und die Erholung auf dem Arbeitsmarkt nächstes Jahr vorbei ist, ist geplant, die 250 AMS-Planstellen, die es wegen der Covid-Krise mehr gibt, im kommenden Jahr wieder abzubauen."

Klar ist auch, dass sich wegen der fehlenden Wertanpassung von Arbeitslosengeld und Notstandshilfe bei der enormen Teuerung "ein degressives Arbeitslosengeld durch die Hintertüre einschleicht, das die Armutsgefährdung erhöht", stellt Hannah Quinz, Arbeitsmarktforscherin an der Uni Wien, fest. Dabei lag die Armutsgefährdungsquote bei Arbeitslosen laut Eurostat schon 2021 bei 45,7 Prozent - aber das ist eine andere Geschichte.