Wer mit dem Flugzeug in Tallinn landet, kann in fünf Gehminuten die Welt von morgen sehen, errichtet auf den Resten von gestern. Auf dem 30 Hektar großen ehemaligen Industrieareal wurden einst Straßenbahnen geschweißt und während der Sowjetzeit auch Teile für Atomkraftwerke produziert. Was genau im Stadtteil Ülemiste passierte, blieb der Bevölkerung weitgehend verborgen. Ein Stacheldraht umzäunte das hermetisch abgeriegelte Gebiet. Ein paar Fragmente aus jener Zeit sind noch zu sehen, wie etwa eine alte, geziegelte Werkshalle, auf der "Ehre für die KPdSU" eingemahnt wird. Sehr lang wird die Halle nicht mehr dort stehen.

Jochen Danninger, Landesrat in Niederösterreich, erkundet das "e-Estonia-Center" virtuell. - © Raigo Pajula
Jochen Danninger, Landesrat in Niederösterreich, erkundet das "e-Estonia-Center" virtuell. - © Raigo Pajula

Ringsum wurde ein völlig neues Viertel aus dem Boden gestampft. Und nach wie vor wird gebaut. Aus Ülemiste ist die Ülemiste City geworden, die sich selbst als "Stadt in der Stadt" präsentiert, das heißt, weitgehend autark von Tallinn, der Hauptstadt Estlands. Schon bald will man Tallinn, dessen Teil man ja eigentlich ist, bei der Steuerleistung überholen.

Estland als Mekka der Digitalisierung

Bei der Ülemiste City handelt es sich im Kern zwar um eine klassische, privatwirtschaftliche Immobilienentwicklung, aber herausgekommen ist ein Vorzeigeprojekt für die Transformation der industriellen zu einer wissensbasierten Gesellschaft. Und es ist auch der Grund, warum ausländische Besuchergruppen eingeladen und durch Ülemiste geführt werden, zumal der Wandel hier durch die bauliche Entwicklung fühlbar wird. Im August war, zum wiederholten Mal, eine Delegation aus Niederösterreich mit Wirtschaftslandesrat Jochen Danninger (ÖVP) in Tallinn, um auch eine Kooperation mit dem dem estnischen Verband für Informationstechnologie und Telekommunikation (ITL) zu unterzeichnen.

Am 6. Dezember eröffnet nun in Tulln das "Haus der Digitalisierung" inmitten des Technopol Campus. Vorerst wird es ein Probebetrieb sein, ab 17. Jänner dann die erste Ausstellung "Mensch + Maschine" zu sehen sein. Das "Haus der Digitalisierung", das bisher nur virtuell existiert, ist kein Museum, sondern soll einerseits Veranstaltungsort sein, vor allem aber Digitalisierung erlebbar machen. Auch in der Ülemiste City gibt es ähnliche Angebote, die nicht nur Schauraum für ausländische Delegationen sind.

Estland gilt seit Jahren als digitaler Vorreiter, und dies nicht nur, weil der Messagingdienst Skype dort entwickelt wurde. Schon 1996 wurden etwa alle Schulen mit Internet versorgt und Tafeln an Verkehrsschildern wiesen den Weg zum nächsten öffentlichen Anschluss. Schritt für Schritt wurde die gesamte Administration digitalisiert. Und dieses Wissen und diese Services werden mittlerweile auch exportiert. Sandra Särav vom estnischen Wirtschaftsministerium berichtet von "Zehntausenden Delegationen", die Tallinn besuchten.

Doch woher kommt das? Robert Krimmer ist Professor für Digitalisierung an der Universität Tartu. Für ihn liegt ein Grund in der Geschichte des Landes. Estland war nur selten souverän. Die Unabhängigkeit 1918 währte nur kurz, wobei während der deutschen Okkupation sowie auch danach in der Zeit der Sowjetunion eine Exilregierung amtierte.

Heute liegen die gesamten Daten des Staates und seiner Bürgerinnen und Bürger auch auf einem Hochsicherheitsserver im Ausland. Sollte Estland erneut seine Souveränität verlieren, können die Staatsgeschäfte sowie alle staatlichen Dienstleistungen auch aus dem Exil weitergeführt werden. Die Digitalisierung der gesamten Administration hat das estnische Volk zu einem gewissen Grad unabhängig vom eigenen Grund und Boden gemacht. Das war durchaus ein Aspekt, als man die gespiegelten Daten des Landes nach Luxemburg verlegte.

Radikale
Vereinfachung

Ein Grund für die Vorreiterschaft Estlands in Sachen E-Government liegt aber auch im fast vollständigen Neuaufbau des Landes nach der Unabhängigkeit 1991. Bestehende Strukturen zu digitalisieren, ist schwieriger, als sie von Grund auf neu zu denken und auf ihre "Kernfunktion herunterzubrechen", wie Krimmer sagt. Estland hat das in so gut wie allen Bereichen getan. Es gibt eine Flat- Tax und im gesamten öffentlichen Bereich nur ein Gehaltsschema sowie eine digitale ID für jeden Bürger und jede Bürgerin, die sogar als Rabattkarte für private Unternehmen, vom Supermarkt bis zur Tankstelle, funktioniert. Die digitale Führerschaft Estlands ist auch dieser Simplizität geschuldet, die aber erstens auch ihre Nachteile hat und zweitens nicht so einfach von anderen Ländern mit seit Jahrzehnten bestehenden Systemen reproduziert werden kann.

Österreich steht in Sachen E-Government aber gar nicht so schlecht dar. Im Bericht der EU-Kommission zum digitalen Wandel (Desi-Index) schneidet Österreich über dem Durchschnitt ab, bei der Zahl der E-Government-Nutzer sogar deutlich darüber. Aufholbedarf gibt es aber bei den Klein- und Mittelbetrieben (KMU), dort ist die Digitalisierung nur bedingt angekommen - interessanterweise aber auch in Estland, das in dieser Hinsicht schlechter als Österreich liegt.

Die KMU sind eine der Zielgruppen für das "Haus der Digitalisierung" in Tulln, das auch eine Art Dauereinladung darstellt, entweder den ersten oder den nächsten Schritt in der Transformation zu machen. Dieser Wandel ist aktuell eine der größten standortpolitischen Aufgaben - auch in Niederösterreich. Danninger, der auch für Digitalisierung zuständig ist, weiß um die Herausforderung. Auf der einen Seite, berichtet der Landesrat, ist Datensicherheit eines der Kernthemen, und zwar auch aus Sicht der Betriebe, auf der anderen Seite stellt sich für viele oft kleine Unternehmen die Frage: Was bringt uns das?

Auch da soll das "Haus der Digitalisierung Antworten liefern und ein niederschwelliges Informationsangebot darstellen. Dass das Thema aber bei den niederösterreichischen Betrieben sehr wohl angekommen ist, zeigt aber ein Investitionsschub in den vergangenen Jahren. Es gibt gleich sechs unterschiedliche Förderschienen, um die Betriebe beim digitalen Wandel zu Unterstützen. Die Fördertöpfe, heißt es vom Land, werden regelmäßig ausgeschöpft.