Bisher konnte der Fundraising Verband Austria jedes Jahr Spendenrekorde vermelden. 2021 gaben Menschen in Österreich 870 Millionen Euro für den guten Zweck aus, um 60 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Besonders spendenwillig waren die Österreicherinnen und Österreicher für Soziales, Tiere und Kinder.

Doch heuer bereitet das Spendenaufkommen in Österreich dem Dachverband im gemeinnützigen Sektor erstmals "Sorgenfalten", wie Geschäftsführer Günther Lutschinger sagt. Zwar gibt es noch keine endgültigen Zahlen für 2022; die Weihnachtszeit, in der das Spendenaufkommen erfahrungsgemäß besonders hoch ist, steht noch aus. Doch der im heurigen Spendenbericht prognostizierte Anstieg auf 900 Millionen Euro werde von der Inflation aufgefressen, beklagt der Verband. Immerhin spüren auch Non-Profit-Organisationen die Teuerung, beispielsweise durch steigende Personalkosten. Am Ende bleibt weniger für die Projekte, für die eigentlich gespendet wird. Für das kommende Jahr rechnen die gemeinnützigen Organisationen mit Einschnitten.

Land der Kleinspender

Die Teuerung ist es aber auch, die das Spendenaufkommen in Zukunft sinken lassen könnte, vermutet der Fundraising Verband. In Österreich sind es – im Gegensatz zu Nachbarländern wie Deutschland oder der Schweiz – vor allem weniger vermögende Menschen, die überproportional zu ihrem Einkommen spenden. "Österreich ist ein Land der Kleinspender", sagt Lutschinger. So spendeten einer Erhebung des Verbands zufolge Menschen mit einem Bruttojahreseinkommen von 11.000 Euro oder weniger 1,9 Prozent ihres Einkommens, wer mehr als eine Million Euro verdiente, hingegen nur 0,12 Prozent. Der Gedanke, dass Spenden zum sozialen Ausgleich beitragen, werde dadurch nicht erfüllt, bedauert der Fundraising Verband.

Gerade die unteren Einkommensschichten spüren die Teuerung nun aber besonders heftig, für Spenden könnte künftig weniger übrigbleiben, befürchten die Fundraiser.

Große Hilfsbereitschaft für die Ukraine

Ein weiterer Einschnitt war freilich der Ukraine-Krieg. Das Spendenaufkommen sei "unglaublich" gewesen, wie Lutschinger sagt und die Bereitschaft zu helfen halte weiterhin an. Gleichzeitig bedeutete dieses Engagement einen Rückgang für Spenden in andere Regionen der Welt, etwa afrikanische Staaten, bedauert Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von "Jugend Eine Welt". Er sieht die Gefahr "des Ausspielens der einen Katastrophe gegen eine andere Katastrophe. Das tut uns weh".

Generell beobachtet er eine Entwicklung weg von der längerfristigen Entwicklungshilfe hin zur einmaligen Katastrophenhilfe. "Immer mehr Katastrophen werden sichtbar", meint Heiserer. Dabei sei gerade die längerfrisitge Unterstüzung für gemeinnützige Organisationen besonders wichtig, da diese mehr Planbarkeit und längerfristige Projekte erlaube.

Katastrophenhilfe statt Entwicklungshilfe

Um das Spendenaufkommen in Österreich zu fördern, nimmt der Fundraising Verband die Politik in die Pflicht. Im Regierungsprogramm beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit der  Förderung der Gemeinnützigkeit und der Freiwilligenarbeit, umgesetzt sei davon bisher noch nichts, bemängelte Lutschinger bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. 

Der Verband fordert etwa einheitliche Regelungen, was die Absetzbarkeit von Spenden angeht. So seien Spenden für Bildung im Ausland absetzbar, solche für Bildungsprojekte innerhalb Österreichs hingegen nicht. "Wenn ich immer nachdenken muss, was begünstigt ist, kann nie eine Kultur des Gebens entstehen", meint Heiserer.

Mangelhafte Rahmenbedingungen für gemeinnützige Stiftungen

Schwierig seien die Rahmenbedingungen außerdem für gemeinnützige Stiftungen, die in anderen Ländern für ein höheres Spendenaufkommen unter Vermögenden sorgen, kritisiert Ruth Williams, Generalsekretärin des Verbands für gemeinnütziges Stiften. So werde die Spendenabsetzbarkeit für gemeinnützig aktive Stiftungen immer wieder verlängert, eine zeitlich unbegrenzte Regelung fehlt aber – und damit Rechts- und Planungssicherheit für die Stiftenden.

Kein großer Faktor im österreichischen Spendenaufkommen sind übrigens Charity-Events, bei denen Prominente und Wohlhabende medienwirksam Spenden sammeln. Die Vertreter des Verbandes sprechen von "einem Promill des Spendenvolumens", das bei solchen Veranstaltungen generiert werde. Dass diese nach einer coronabedingten Pause wieder vermehrt stattfinden können, bringt also kaum Entlastung für gemeinnützige Organisationen. (vis)