Sie kommen aus belasteten Familien, sind geprägt von Gewalt und Aggressionen und sollten in den betreuten Kinder- und Jugend-WGs eigentlich Deeskalation und Unterstützung erfahren. Oft ist das jedoch nicht der Fall, hat die Volksanwaltschaft im Zuge ihrer aktuellen Schwerpunktprüfung der präventiven Menschenrechtskontrolle festgestellt. Ganz im Gegenteil. Viele Kinder und Jugendliche erleben demnach auch in den WGs einen Alltag, der nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.

"Es gibt zu wenig Personal, das noch dazu nur zur Hälfte adäquat ausgebildet ist", sagte Volksanwalt Bernhard Achitz am Mittwoch bei der Präsentation der Prüfungsergebnisse. Demnach hat die Hälfte des Personals eine sozialpädagogische Ausbildung, der Rest sind Quereinsteiger, und fünf Prozent der geprüften Betreuer waren erst in Ausbildung. Auch die Dauer der Einschulung, nach der Nachtdienste und eigenverantwortliche Tagdienste übernommen werden dürfen, ist unterschiedlich. In 68 Prozent und damit im Großteil der Einrichtungen ist diese nach einem Monat absolviert, in fast 20 Prozent sind es allerdings nur zwei Wochen.

Ein Betreuer für zwölf Jugendliche

"Es gibt Träger, in deren WGs nicht eine einzige Betreuerin, nicht ein einziger Betreuer mit sozialpädagogischer Ausbildung arbeitet", ergänzte Gerald Herowitsch-Trinkl vom Dachverband Österreichischer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen (DÖJ). Der Dachverband hatte erst im Juli dieses Jahres in Wien, Salzburg und der Steiermark die jeweiligen Jugendämter benachrichtigt, weil das Wohl von Kindern in Einrichtungen gefährdet war. Herowitsch-Trinkl kritisierte, dass seit Jahren viel zu wenig geeignetes Fachpersonal ausgebildet werde. In einer Abfrage des DÖJ hätten beinahe alle Einrichtungen angegeben, dass es für offene Stellen wesentlich weniger Bewerberinnen und Bewerber gab als vor fünf Jahren.

Das zeige seine Auswirkungen, so Achitz: In rund 40 Prozent der 18 Monate lang untersuchten 131 Kinder- und Jugend-WGs Österreichs (insgesamt gibt es etwa 500 und 12.000 betreute Drei- bis 18-Jährige) ist es im vergangenen halben Jahr zu Polizeieinsätzen wegen aggressiven Verhaltens gekommen. In genauso vielen Fällen gab es Psychiatrieeinweisungen - inklusive der Verabreichung beruhigender Medikamente. "Viele junge Menschen werden während Impulsdurchbrüchen auch von Betreuerinnen und Betreuern unter Körperkraft fixiert", heißt es dazu vom "VertretungsNetz".

Die Polizeieinsätze häuften sich vor allem in jenen WGs, in denen der Betreuungsschlüssel am geringsten war, sagte Achitz zur "Wiener Zeitung". Das bedeutet: In den WGs, in denen acht bis zwölf Kinder und Jugendliche wohnen, gebe es oft nur einen Betreuer. Falls dieser ausfällt, verfügt sogar lediglich ein Drittel über eine Rufbereitschaft. Ideal wären laut Achitz zwei bis drei Betreuer pro WG.

Regelung je nach Bundesland unterschiedlich

Es sei ein "sich verstärkender Kreislauf", sagte Achitz. "Gibt es zu wenig Personal, ist es überlastet, und es kommt zu noch mehr Ausfällen. Auch die Fluktuation ist dadurch groß." Zu groß, meinte er: In 79 Prozent der WGs gab es im vergangenen Jahr einen Betreuerwechsel. Das sei kritisch, könne doch jeder Beziehungsabbruch eine Retraumatisierung bedeuten.

Durch Personalnot und Überforderung sei es in den WGs bereits zu Menschenrechtsverletzungen gekommen, sagte Achitz. Das Einsperren im Zimmer etwa stelle einen Freiheitsentzug und eine Einschränkung der Selbstbestimmung dar. Auch Ausgangssperren und das Verabreichen beruhigender Medikamente könnten darunterfallen.

Eines der Hauptprobleme ist dabei laut Achitz, dass die Qualifikationen des Personals und die Betreuungsschlüssel in jedem Bundesland unterschiedlich geregelt sind. Die Volksanwaltschaft fordert daher seit langem eine Vereinheitlichung der Voraussetzungen in Österreich.

In der sozialpädagogischen WG "Fühl Dich Wohl" im Burgenland, die Herowitsch-Trinkl leitet, betreuen immer mindestens zwei Personen die Kinder, sagt er. Was wäre, wenn es weniger wären? Diese Frage hat Herowitsch-Trinkl den Acht- bis 17-Jährigen gestellt. Einige ihrer Antworten: "Wenn in der Schule was passiert, könnte uns keiner abholen." "Wenn sich jemand verletzt, dann könnten die Erzieherinnen nicht mit uns ins Spital mitfahren." "Man kann nicht mit jemandem reden, wenn man Probleme hat."