Der zweite von voraussichtlich 18 Verhandlungstagen stößt auf Interesse. Als mehrere junge, elegant gekleidete Männer von vermummten Justizwachebeamten in kugelsicheren Westen in den großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichts geführt werden, herrscht reges Treiben. Berufsrichter, Geschworene, Verteidiger, Polizisten, Journalisten und weitere Zuseher - rund 60 Menschen werden zuhören, wenn die ersten von sechs möglichen Komplizen des Wien-Attentäters befragt werden. Den Anschlag selbst hat der 20-jährige K.F. alleine ausgeführt, er wurde von der Polizei erschossen, nachdem er am 2. November 2020 vier Passanten in der Wiener Innenstadt getötet und 23 weitere verletzt hatte.

Im Mitte Oktober gestarteten Prozess geht es nun darum, die Rolle jener sechs Männer zu klären, die den Attentäter möglicherweise bei der Vorbereitung seiner Tat unterstützt haben. Dass etwa ein Sturmgewehr vermittelt wurde, streiten die Angeklagten nicht ab. Nun gilt es für die Berufs- und Laienrichter vor allem einzuschätzen, wieweit die Männer in die Pläne des späteren Attentäters eingeweiht waren.

Zwei Hauptangeklagte
sagen aus

Ein 32-Jähriger mit tschetschenischen Wurzeln macht am Donnerstag den Anfang. Ihm wird vorgeworfen, die spätere Tatwaffe sowie - bei einem separaten Zusammentreffen - Munition und eine Pistole an den Attentäter übergeben zu haben. Außerdem soll er am Tag vor dem Anschlag noch in dessen Wohnung gewesen sein. Letzteres bestreitet der Mann, die Übergaben der Waffen hingegen nicht. Dabei sieht er sich allerdings in der Rolle eines Vermittlers, eigentlich stammten die Waffen von einem anderen Mann, den der Angeklagte stets als "der Slowene" bezeichnet. Was er sich dabei gedacht habe, als er die Waffe übergeben habe, will der vorsitzende Richter wissen. Der Angeklagte weiß darauf keine Antwort. Er habe nicht hinterfragt, was der Mann, den er davor nicht gekannt hatte, mit der Waffe vorhabe. Für die Richter und Geschworenen ist das unbefriedigend: "Ein Wildfremder meldet sich und will eine Kalaschnikow? Da muss man sich doch irgendetwas dabei denken?" Der Angeklagte bleibt dabei, er habe sich keine Gedanken gemacht. Heute würde er anders handeln, dass er damals den Waffenkauf nicht hinterfragt habe, sei ein großer Fehler gewesen, betont er. Mit dem Islamischen Staat (IS) habe er nie sympathisiert.

Im Anschluss sagt der Sechstangeklagte aus, der ebenfalls eine Rolle in der Vermittlung des Sturmgewehrs gespielt haben soll. Noch vor dem Anschlag war er zweimal wegen Terrordelikte in Haft gewesen. Er habe den Kontakt zwischen dem späteren Attentäter und dem Waffenhändler hergestellt, wird ihm vorgeworfen, was der 22-Jährige auch nicht abstreitet. Er habe K.F. seit Kindheitstagen gekannt, gemeinsam mit zwei weiteren Angeklagten hätten die beiden etwa Fußball gespielt. Schließlich waren die Kindheitsfreunde auch gleichzeitig in der Justizanstalt Josefstadt inhaftiert. K.F. war zu einer Haftstrafe verurteilt worden, nachdem er nach Syrien gereist war, um sich dem IS anzuschließen. Gegenüber einem Mithäftling hatte K.F. bereits angekündigt, einen Anschlag zu planen, doch "im Gefängnis wird viel Schwachsinn geredet, viel gedroht", erklärt der Angeklagte dem Richter.

Von der radikalen Einstellung seines Freundes habe er gewusst, auch er habe damals mit dem IS sympathisiert, gibt der 22-Jährige an. Doch Anschläge in Europa hätten die beiden immer verurteilt. Schließt das eine das andere nicht aus? Darüber entsteht eine hitzige Diskussion im Verhandlungssaal. Der Richter liest einige Verse IS-Propaganda vor, die auf dem Handy des Angeklagten gefunden worden waren. Darin wird zum Töten von "Ungläubigen" aufgerufen. Der Angeklagte bleibt aber dabei: Das Töten von Zivilisten hätten sein Freund und er nie befürwortet.

Urteile frühestens im
Februar erwartet

Doch wieso vermittelt man eine Waffe an jemandem, von dem man weiß, dass er islamistische Ansichten vertritt? Er hat in seinem Freund nur das Gute gesehen, meint der Angeklagte auf die Frage. Später habe er auch gewusst, dass K.F. vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, und rechnete damit, dass dieser im Ernstfall einschreiten würde. Deshalb sei er auch selbst nicht zur Polizei gegangen, das hätte ihn nur in Schwierigkeiten wegen der Vermittlung der Waffe gebracht, erklärt der junge Mann.

Damit ist die Befragung für den zweiten Prozesstag abgeschlossen. Fortgesetzt wird die Verhandlung am kommenden Dienstag mit der Einvernahme des Erst- und Viertangeklagten. Am 13. Dezember werden die beiden übrigen Hauptangeklagten aussagen, kurz vor Weihnachten sollen dann die ersten fünf Zeugen zu der Waffenvermittlung gehört werden. Urteile sind frühestens im Februar zu erwarten.(vis)