Das Umweltbundesamt hat rund sechs Monate später als üblich die Zahlen zum Bodenverbrauch 2021 präsentiert. Im Frühjahr hatte es noch geheißen, man arbeite an einer neuen Datengrundlage, auf deren Basis die Zahlen veröffentlich werden sollten. Das hat nun doch noch nicht geklappt, das neue Datenmodell werde aktuell einer Qualitätssicherung unterzogen, schreibt das Umweltbundesamt in seiner Presseaussendung. Neue Daten sollen 2023 veröffentlicht werden, für 2021 wurden noch nach dem alten Modell die Zahlen des Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen ausgewertet.

Diese zeigen, dass es zwar von 2020 auf 2021 einen leichten Rückgang in der täglichen Neuinanspruchnahme an Boden gab: Diese ging von 11,5 auf 10 Hektar täglich zurück. Gleichzeitig stieg der Grad der Versiegelung von rund 40 Prozent (etwa 4,6 Hektar) auf 58 Prozent (5,8 Hektar) ungewöhnlich stark an.

Bodenschutz gegen Klimawandel

Dabei sind gesunde Böden im Kampf gegen den Klimawandel unerlässlich, speichern sie doch CO2, sind Heim für viele Arten und sichern unsere Ernährung. Im Programm der aktuellen Regierung ist festgelegt, den Bodenverbrauch bis 2030 auf täglich 2,5 Hektar zu reduzieren. Dieser Wert stand bereits vor 20 Jahren in der Nachhaltigkeitsstrategie der damaligen Bundesregierung - und wurde 2022 nach Berechnungen der Naturschutzorganisation WWF bereits Anfang März erreicht. Das Umweltbundesamt konstatierte, dass es zu "keiner substanziellen Verringerung des Bodenverbrauchs gekommen ist und weitere Anstrengungen notwendig sind". Im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre waren es 11,3 Hektar täglich, die vor allem für Bautätigkeiten, Verkehr und Betriebsflächen benötigt wurden.

Um dem Ziel einer Reduktion des Bodenverbrauchs um rund 80 Prozent endlich näher zu kommen, wurde im Herbst 2021 bei der politischen Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) der Beschluss gefasst, eine Bodenstrategie auf den Weg zu bringen und binnen eines Jahres zu präsentieren. An deren Fertigstellung wird derzeit aber noch intensiv gearbeitet: "Raumordnung ist grundsätzlich in Länderkompetenz. Bei der Erstellung einer Bodenstrategie müssen also die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Regionen berücksichtigt werden. Qualität vor Tempo ist hier die Devise", meinte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) im Vorfeld des "Tag des Bodens" am 5. Dezember. Aus Verhandlerkreisen ist zu hören, dass es die Beschlussfassung voraussichtlich im ersten Quartal des kommenden Jahres im Rahmen einer politischen ÖROK-Sitzung geben soll.

Schwierige Interessenslage

Wie schwierig die Diskussion im Bereich Boden und damit einhergehend zum Thema Raumordnung ist, zeigt eine Umfrage, die der WWF zu Beginn der Woche präsentiert hat: Das market-Institut hat erhoben, dass  die Forderung nach einer Änderung der Zuständigkeit für Flächenwidmungen eine klare Mehrheit findet: 59 Prozent der Befragten würden diese Kompetenz statt bei Bürgermeistern bzw. Gemeinden lieber bei Bund oder Ländern sehen.

Innerhalb weniger Stunden nach der Präsentation der Umfrage-Ergebnisse in einer Aussendung, reagierte der Gemeindebund, dass die ureigenste Aufgabe der Gemeinden die Gestaltung der unmittelbaren Lebensräume der Bürgerinnen und Bürger vor Ort sei. Schon im Vorfeld der ÖROK 2021 hatte Gemeindebundpräsident Alfred Riedl angemerkt, dass das Eigenheim am Land möglich bleiben müsse.

Bau- und Betriebsflächen beanspruchen mit Abstand die meiste Fläche - auch im Jahr 2021. Während der Bedarf für Bauflächen auf 21 Quadratkilometer gegenüber dem Vorjahr (23 Quadratkilometer) zurückgegangen ist, liegt er dennoch über dem langjährigen Schnitt. Betriebsflächen beanspruchten elf Quadratkilometer an Boden, ähnlich wie im Jahr 2020. Verringert hat sich die Nutzung von Flächen für Erholung und Rohstoff-Abbau sowie für Straßen und Bahn, hieß es in der Aussendung des Umweltbundesamtes.

Weitere Reduktion gefordert

"Alleine in den vergangenen 25 Jahren wurden 150.000 Hektar Äcker und Wiesen durch Verbauung aus der landwirtschaftlichen Produktion genommen. Das entspricht der Agrarfläche des Bundeslandes Burgenland", rechnete der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung, Kurt Weinberger, in einer Aussendung vor.

Greenpeace konstatierte, dass die Regierung "ihr selbst gestecktes Ziel bis jetzt meilenweit" verfehlt. "Mit unserem Bodenverbrauch sind wir Europas trauriger Spitzenreiter. Kein anderes europäisches Land verliert täglich solch eine Masse an wertvollem Boden. Das sollte uns zu denken geben", meinte Ursula Bittner, Artenschutz-Expertin bei Greenpeace in Österreich.

Greenpeace will, dass der Bodenverbrauch bereits 2025 auf 2,5 und bis 2030 auf maximal einen Hektar pro Tag gesenkt wird. Und auch dem WWF gehen die Pläne der Regierung nicht weit genug: "Der überbordende Flächenfraß ist einer der größten Treiber der Biodiversitäts- und Klimakrise. Er verstärkt Naturkatastrophen, gefährdet die Gesundheit der Menschen und führt nicht zuletzt zu einem enormen Energieverbrauch", warnte der Bodenschutzsprecher beim WWF Österreich, Simon Pories. Der WWF fordert daher eine verbindliche Obergrenze von maximal einem Hektar pro Tag für den Flächenfraß.

Auch das Umweltbundesamt forderte die nachhaltige Nutzung von Boden. Dafür brauche es ein strategisches Flächenmanagement mit verbindlichen Zielwerten für die Erhaltung produktiver Böden, Bodenfunktionsbewertungen, Wiedernutzung von Leerstand und Brachflächen, Festlegung von Siedlungsgrenzen, die Definition von Vorrangflächen für die landwirtschaftliche Produktion und für Hochwasser-Rückhaltung und den Schutz wichtiger Ökosysteme.