Diesen Freitag und Samstag tagt in Villach die Generalsynode der evangelischen Kirchen A.B. (Augsburger Bekenntnis) und H.B. (Helvetisches Bekenntnis) in Österreich. Thomas Hennefeld, seit 2007 Landessuperintendent der evangelischen Kirche H.B., spricht im Interview über seine Erwartungen, die Rolle der Kirche in der Gesellschaft und den Mehrwert von flachen Hierarchien.

"Wiener Zeitung": Was tut Ihnen mehr weh - der Karfreitag, der kein echter Feiertag ist, oder der Einkaufsfeiertag am 8. Dezember?

Thomas Hennefeld: Beides ist auf seine Art und Weise aus unterschiedlichen Gründen einfach ärgerlich. Der Karfreitag, weil das doch seit langer Zeit der Feiertag für uns Evangelische war, den wir verloren haben, wo viele Gemeinden Gottesdienste feiern. Gesellschaftspolitisch ist in Zeiten, in denen sich die Unkultur, dass Feiertage kommerzialisiert werden, ohnehin immer mehr ausbreitet, der 8. Dezember ein Problem - wobei das für uns eigentlich kein Feiertag ist. Aber wir sind auch in der Allianz für den freien Sonntag und treten dafür ein, dass Feiertage möglichst einkaufslos gestaltet werden.

Haben Sie den Kampf um den Karfreitag schon aufgegeben?

Nein. Wir müssen ja jedes Jahr aufs Neue um diesen persönlichen Feiertag ansuchen, und von daher werden wir da dranbleiben. Es geht ja nicht nur darum, dass das theologisch oder in der evangelischen Kultur eine Bedeutung hat, sondern es geht auch um den Schutz von Minderheitenrechten. Und in dem Zusammenhang, wie das dann auch geschehen ist, war das einfach eine Geringschätzung und eine Missachtung einer Minderheit. Das hat viele Evangelische verstört und verärgert, da erwarten sie auch, dass wir uns für den Karfreitag als Feiertag einsetzen. Wir kümmern uns als reformierte Kirche um unsere eigenen Minderheitenrechte, aber genauso auch um die anderer - da haben wir eine besondere Sensibilität.

Abgesehen von arbeitsfreien Feiertagen - was kann die Kirche unserer modernen, säkularisierten Gesellschaft heute noch bieten? Ist sie nicht ein überholtes Modell?

Der Kirche - und auch anderen Religionsgemeinschaften - bläst der Wind immer stärker ins Gesicht. Aber ich glaube, dass sie sehr wohl einen Mehrwert hat. Gerade in einer Zeit, in der Menschen immer orientierungsloser werden, alles immer gleichgültiger wird, kann die Religion eine Orientierung geben, was wichtig ist, worum es geht, dass nicht alles kommerzialisiert wird, kein hemmungsloser Individualismus, Egoismus und Egozentrismus entsteht. Unserer Kirche sind Werte wie Solidarität, Mitgefühl, Menschenrechte, Demokratie wichtig, für all das steht sie heute, auch wenn das komisch klingen mag, Kirche mit Demokratie zu verbinden. Aber da hat die reformierte Kirche eine lange Tradition. Wir sehen uns als Teil der Gesellschaft und erheben unsere Stimme für die Schwachen, die Notleidenden, die Menschen, die unter die Räder kommen.

Bedeutet das auch, der Politik dreinzureden?

Mit Blick auf Weihnachten denken viele eher an Konsum und Geschenke, aber es ist eigentlich die große Einmischung Gottes in diese Welt. Sein Sohn hat an einem Ort, wo Gewalt und Unterdrückung herrschten, den Menschen eine befreiende Botschaft gebracht. Von daher ist es für mich absurd, wenn man der Kirche vorwirft, dass sie sich in die Politik einmischt. Wir sind als Menschen politisch, und da haben die Reformierten einen ganz besonderen Akzent darauf gelegt, dass Glaube und Politik zusammenhängen, dass sich der Glaube der Menschen erst in diesem Leben manifestiert. Dass Gott immer wieder eingreift und parteiisch auf der Seite der Schwachen, der Notleidenden, der Unterdrückten steht, das zieht sich durch die ganze Bibel, und das ist auch mir persönlich wichtig.

Sie sind Stellvertretender Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich. Wie steht es denn um die Ökumene, insbesondere in Zeiten des Ukraine-Krieges?

Es hat da heftige Debatten gegeben. Das war auch ein Thema beim Weltkirchenrat. Es ist schwierig: Auf der einen Seite geht ein Kontakt zu einem Kirchenoberhaupt, das sich völlig mit diesem Krieg identifiziert, gar nicht. Auf der anderen Seite sind wir eine globale Gemeinschaft, und da geht es nicht nur um Einzelpersonen. Ich habe Verständnis dafür, dass man nicht alle Brücken abbrechen möchte und auf irgendeine Weise im Gespräch bleibt. Daher wurde kein Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche gefordert. Man muss auch deren schwierige Situation bedenken in ihrer Abhängigkeit von Moskau.

Welche Unterschiede zwischen den reformierten Kirchen und der römisch-katholischen Kirche sind für Sie eigentlich am wichtigsten?

Das betrifft zum einen die Frage der Hierarchie. Es geht darum, selber mündig zu sein und nicht eine Obrigkeit als letzte Instanz zu akzeptieren, so sehr ein Papst, vor allem einer wie der jetzige, durchaus auch positiv agieren kann. Es geht um demokratische Strukturen der Kirche in ihrer Gesamtheit, um sehr flache Hierarchien. Die andere Frage ist natürlich - und daran hakt es ja auch - das Amtsverständnis, dass jeder, egal ob Mann oder Frau, die Möglichkeit haben muss, ein Amt, eine Funktion in der Kirche auszuüben. Das verträgt sich halt nicht mit dem katholischen Amtsverständnis. Auch der Anspruch, dass Christentum auch politisch ist, war von Anfang an in der reformierten Tradition stärker vorhanden. Ein zweiter Punkt ist die Schlichtheit, die Bilderlosigkeit, wo wir uns aufs Alte Testament beziehen. Das sieht man auch in den Kirchenräumen, die sehr nüchtern wirken. Und das Dritte sind Dinge, die in der Theologie wichtig geworden sind, auch wenn sie heute keine so große Rolle mehr spielen, wie etwa das Abendmahlsverständnis oder die Prädestinationslehre (die calvinistische Vorherbestimmungslehre besagt, dass Gott von Anfang an die Menschen erwählt hat, die erlöst werden und seine Botschaft verstehen können, Anm. d. Red.). Da sind die Kirchen stark zusammengewachsen.

Und wie ist das Verhältnis zwischen A.B. und H.B. innerhalb der evangelischen Kirchen?

Bei uns ist die Struktur noch flacher als bei den Lutheranern, weil wir keinen Bischof haben und der Landessuperintendent hauptamtlich Gemeindepfarrer ist. Alle Kirchenleitungsmitglieder können ihre Ämter nur haben, weil sie an der Basis in den Gemeinden verankert sind und dort gewählt werden, und wenn sie dort nicht mehr gewählt werden, haben sie auch kein Leitungsamt mehr. Im Oberkirchenrat als gemeinsamem Leitungsgremium mit den Lutheranern hat der Bischof A.B. den Vorsitz, und der Landessuperintendent H.B. ist sein Stellvertreter. Aber sonst ist jeder für sich, wobei wir in vielen Bereichen sehr gut zusammenarbeiten: Diakonie, Krankenhausseelsorge, Gefängnisseelsorge, Bildungsarbeit.

Demokratie, Frauenpriestertum, verheiratete Priester - würden Sie das alles auch der römisch-katholischen Kirche empfehlen?

Ich denke, es hat sich bewährt. Natürlich gibt es überall auch Schattenseiten, aber insgesamt stehe ich dazu und würde mir wünschen, dass die römisch-katholische Kirche auch in diese Richtung geht. Die Bestrebungen, die es gibt, sehe ich sehr positiv.

Was sind die großen Themen der evangelischen Generalsynode? Gibt es aktuelle Streitpunkte?

Derzeit nicht. Hier merkt man, dass wir gut zusammenarbeiten. Inhaltlich wird es vor allem um das für heuer ausgerufene Jahr der Schöpfung gehen. Aber natürlich kann immer ein Thema aufpoppen. Was natürlich bei allen Kirchen eine Rolle spielt, ist die Frage der Finanzen: Wo kürzt man, wo schränkt man ein, wie wird sich das auswirken? Auch bei uns geht die Mitgliederzahl sukzessive zurück. Aber im Vergleich zu anderen Kirchen in der Nachbarschaft, insbesondere im Süden, ist es noch immer ein Jammern auf hohem Niveau. Wichtig ist, dass wir Kirche für andere sind und uns nicht nur mit uns selbst beschäftigen. Wir müssen aber jedenfalls schauen, wie wir verschlanken und einsparen können, ohne von der Kraft der Botschaft etwas zu verlieren. Das ist eine Herausforderung. Bei uns bestimmt nicht eine Kirchenleitung einfach, welche Pfarrstellen nicht mehr besetzt werden, sondern da muss sich die Synode, also das Kirchenparlament, einig werden.

Ist so viel Demokratie nicht auch mühsam?

In der Politik wünschen sich ja auch viele einen starken Mann - interessanterweise weniger eine starke Frau. Aber genau das ist nicht unser Weg. Es ist zwar vieles kompliziert, aber wir können damit umgehen, und es hat einen Mehrwert, dass alle aktiv teilnehmen können.

Zu Weihnachten blickt die Welt auch nach Betlehem. Einer Ihrer Schwerpunkte ist der Nahe Osten. Haben Sie noch Hoffnung auf eine Lösung des Nahost-Konflikts?

Ich bin kein Optimist, aber als Christ lebe ich aus der Hoffnung. Und ich glaube auch an Wunder.

Auch nach der vergangenen Wahl?

Ja. Die Kritik an der neuen Regierung, die sich da gerade bildet, kommt ja auch sehr stark aus der israelischen Zivilgesellschaft, fast stärker als aus dem Ausland. Ich bin seit vielen Jahren in der Friedensarbeit tätig, und da gibt es in Israel und in Palästina auf beiden Seiten tolle Leute, die tagtäglich die Aufgabe wahrnehmen, Brücken zu bauen zwischen den verfeindeten Völkern, und sich nicht unterkriegen lassen, auch wenn sie von ihren Landsleuten als Verräter gebrandmarkt werden. Aber für sie gibt es nur den Weg eines Friedens in Gerechtigkeit und einer Versöhnung, und daran halten sie fest, auch wenn das aussichtslos scheint.

Haben Sie die Kernbotschaft Ihrer Weihnachtspredigt schon im Kopf?

Noch nicht ganz. Aber es wird sicher darum gehen, dass gerade in diesen Zeiten, wo viele Menschen Sorgen und Ängste haben, wir etwas feiern, das im Dunkel der Geschichte stattgefunden hat an einem Platz am Rande der Welt. Und gerade dort, wo am Rande etwas passiert, da fällt auch das Licht hin. Das ist eine Ermutigung, für die Menschen einzutreten und sich einzusetzen, die am Rande des Lebens, am Rande der Gesellschaft sind. Das sagt uns auch Weihnachten.