Der Gottesdienst in der Kirche im bürgerlichen Wien-Hietzing war diesen Sonntag gut besucht. Der dritte Adventsonntag bewegte im Gegensatz zur Vorstadt-Kirche draußen in Hernals noch etliche katholische Gläubige zum Messbesuch. Für Österreichs Bischöfe war es kein Sonntag wie jeder andere. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Salzburger Franz Lackner, bereitete sich mit den anderen Oberhirten auf den sogenannten Ad-limina-Besuch in Rom vor. Von Montag bis Donnerstag sind sie für einen besonders intensiven Austausch zwischen dem Zentrum der Weltkirche und der österreichischen Ortskirche im Vatikan - samt Treffen mit Papst Franziskus.

Fast neun Jahre ist es her, seit Österreichs Bischöfe gemeinsam im Jänner 2014 Papst Franziskus den bisher letzten Ad-limina-Besuch abgestattet haben. 4,83 Millionen Katholiken wurden Ende 2021 in Österreich gezählt, um rund 435.000 weniger als im Jahr 2014. Innerhalb von 30 Jahren ist die Zahl der Mitglieder um rund 1,5 Millionen geschrumpft. Allein der nüchterne Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Kirche an gesellschaftlicher Relevanz verloren hat.

Zum kontinuierlichen Schrumpfen der Kirchen-Herde hat vor allem das Bekanntwerden von kirchlichen Missbrauchsfällen beigetragen, um deren Aufarbeitung sich die Bischofskonferenz schon unter dem früheren Vorsitzenden, dem Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn, bemüht hat. Die Missbrauchsfälle gelten als Hauptgrund dafür, dass im Jahr 2010 die Rekordzahl von rund 85.000 Mitgliedern der Katholischen Kirche formal den Rücken gekehrt haben.

Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitals dauert nach wie vor an. Erst in der Vorwoche hat der Tiroler Diözesanbischof Hermann Glettler ein "pädagogisches Totalversagen" in kirchlichen Einrichtungen eingeräumt: "Mein Mitgefühl gilt allen, die in den Heimen traumatisiert wurden." Anlass war ein umfassender Forschungsbericht zu Gewalt und Missbrauch in konfessionellen Heimen in Tirol nach dem Zweiten Weltkrieg.

Umgekehrt spiegeln die Mitgliederzahlen der Religionsgemeinschaften auch wider, dass das Bevölkerungswachstum auf neun Millionen Einwohner vor allem auf ausländische Zuwanderer und Geburten mit migrantischem Hintergrund zurückgeht. Knapp 750.000 Muslime bilden gemäß Statistik Austria die zweitgrößte Religionsgemeinschaft vor orthodoxen Christen (437.000) und rund 272.000 evangelischen Christen.

Die von den Diözesen ausgearbeiteten umfassenden Berichte über das kirchliche und gesellschaftliche Leben sind Grundlage für die Treffen in Rom. Der Ad-limina-Besuch fällt mitten in den weltweit laufenden Synodalen Prozess, in dem von den Gläubigen selbst und den Bischöfen beraten wird, was für die Kirche wichtig ist. Ergebnisse aus Österreich sind im August an den Vatikan übermittelt worden und seien ein "wichtiger Referenzpunkt" für den jetzigen Besuch, betont Paul Wuthe, der Medienreferent der österreichischen Bischofskonferenz.

Förderung der Frauen

Das betrifft auch einen besonders brisanten Punkt: den Umgang mit Frauen in der Kirche. Klar sei: "Nicht nur in Österreich, sondern weltweit besteht der Wunsch, die Rolle der Frau in der Katholischen Kirche zu stärken", sagt Wuthe. Diese Frage werde "sicher auch ein Thema" sein.

Wie aus dem Österreich-Bericht zum synodalen Prozess hervorgeht, der auf Befragungen und Beratungen von rund 50.000 Personen basiert, sollen Anliegen von der örtlichen Kirche aufgegriffen und möglichst eigenständig umgesetzt werden. Dazu zählt die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, was auf eine Stärkung der Frauen hinausläuft und zielt zudem auf eine Förderung von Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen. In der Vergangenheit war Frauen vor allem eine dienende Rolle in der Kirche zugedacht. Noch brisanter ist: Der Zugang von Frauen zur Weihe, vor allem zum Diakonat - soll aber auf Ebene der Weltkirche thematisiert werden.

Gleiches gilt für den Zölibat. Die Ehelosigkeit ist zwar aufrecht. In so mancher der rund 4.300 Pfarren in Österreich wissen Gläubige allerdings, dass Priester nicht zölibatär leben, sondern mehr oder minder fix eine Partnerin haben.

Mitsprache des Kirchenvolks

Thema bei den Gesprächen im Vatikan wird aber auch ein anderer deutlicher Wunsch der Gläubigen sein: eine Stärkung der "partizipativen Kultur in der Kirche", wie Wuthe sagt. Weltlich ausgedruckt, bedeutet das mehr Mitsprache des Kirchenvolkes, das auf allen Ebenen mehr mitbestimmen will. Auf politischer Ebene würde es mehr Basisdemokratie heißen.

Angesichts der sinkenden Zahl an Mitgliedern gibt es zunehmend den Wunsch nach einer Rückbesinnung und einer Konzentration der Kräfte auf karitatives Handeln. Das Einstehen für Arme und Benachteiligte in Form des sozialen Auftrags der Kirche. Gerade in Zeiten der Rekordteuerung und der hohen Zahl an Flüchtlingen gewinnt dieses Ziel an Bedeutung. Die Bischofskonferenz hat das bei der Herbsttagung erneut unterstrichen.

Missionarisches Handeln und klarere Positionierung, das ist der Wille vieler katholischer Gläubiger in Österreich, wie der synodale Prozess hierzulande auch offenbarte. Dieser Schwerpunkt der Solidarität und der Hilfe für Menschen in Not wird vor allem von zwei Oberhirten besonders klar zum Ausdruck gebracht. Zum einen vom Innsbrucker Glettler, speziell aber auch vom volksnahen Grazer Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl.

Während beide erstmals bei einem Ad-Limina-Besuch dabei sind, ist es für Schönborn die fünfte derartige Visite. Mit dabei sind auch Militärbischof Werner Freistetter und Abt Vinzenz Wohlwend von Stift Mehrerau in Vorarlberg. Personalfragen dürften offiziell kein Thema sein. Das gilt auch für die Nachfolge Schönborns als Wiener Erzbischof. Gemäß Kirchenrecht hat er mit Vollendung des 75. Lebensjahr im Jänner 2020 seinen Amtsverzicht angeboten, Papst Franziskus hat ihn aber seither im Amt belassen.

Worin liegt nun die besondere Relevanz des Ad-limina-Besuchs? "Mit Freimut sprechen und in Demut zuhören", diese von Papst Franziskus formulierte Devise erwartet der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Franz Lackner. Der neben Gottesdiensten intensive Austausch mit vatikanischen Behörden und dem Papst selbst "soll sowohl die Einheit innerhalb der Kirche fördern als auch die Verantwortung des einzelnen Bischofs", erläutert Wuthe. Denn wie auch sonst im Leben gilt: "Persönliche Treffen stärken auch in der Kirche die Bindung, das wechselseitige Verstehen und können allfällige Kontroversen leichter aus der Welt schaffen."