Dieser Winter, so die mehrheitliche Hypothese der Experten im Sommer, könnte für das Gesundheitssystem noch einmal eine Herausforderung werden. Womöglich neue Corona-Varianten, schwindende Immunität, wenige Impfauffrischungen und zudem der saisonale Effekt: keine gute Kombination bei einem Virus wie Omikron, das um ein Vielfaches infektiöser als Influenza ist. Wenige Tage vor der Wintersonnenwende lässt sich konstatieren: Die Hypothese ist eingetreten, die Spitäler arbeiten am Anschlag, die Ursachen sind aber etwas andere als erwartet.

Denn die Erwartung ging eher in die Richtung, dass Sars-CoV-2 erneut dominieren würde, wobei auch die Wiederkehr anderer Viren, vor allem der Grippe, als Risiko gesehen wurde. Im Sommer, als das Gesundheitsministerium vier mögliche Szenarien für den Winter ausarbeiten ließ, fokussierte man nur auf Covid. In Australien grassierte damals aber bereits die Influenza. Es war davon auszugehen, dass sie erstens in Europa ähnlich stark und zweitens auch ungewohnt früh auftreten würde - so kam es dann auch.

In der vorigen Wochen registrierte die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) 92.093 Krankenstände durch Grippe und grippale Infekte und die Zahlen steigen weiter an. Bei Covid zeigt sich ein etwas anderes Bild. Seit Wochen bewegen sich Krankenstände zwischen 16.500 und 19.500, war zuletzt sogar wieder etwas rückläufig. Auch die Abwasseranalysen zeichnen das Bild einer eher flachen Welle. Zumindest bisher ist die ganz große Corona-Winterwelle ausgeblieben.

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Verschwunden ist Sars-CoV-2 freilich nicht. Von den im Sommer präsentierten Szenarien trat aber - noch einmal: bisher - der günstige Fall ein. Das berichtet auch der Innsbrucker Infektiologe Günter Weiss. Omikron habe sich "in andere saisonale respiratorische Infektionen bzw. Erkrankungen" eingereiht, sagte Weiss im Gespräch mit der APA. Vor einem Jahr, als die Delta-Variante grassierte, musste Weiss noch viele Patientinnen und Patienten wegen Lungenversagen behandeln, die Intensivstation sei voll gewesen. "Eine Lunge, die aufgrund einer Corona-Infektion komplett versagt, haben wir seit Februar glücklicherweise nicht mehr gesehen", so Weiss.

Wien registriert bei Grippe Rekordwerte

Das heißt nicht, dass sich die Situation in den Spitälern gebessert hat. Vielmehr sind die Beschäftigten dort einer Dauerbelastung ausgesetzt, die angesichts der aktuellen Krankheitswelle da und dort wieder in Überlastung kippt. Zuletzt mehrten sich entsprechende Berichte von Ärztinnen und Ärzten, vor allem aus Wien.

Die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen der Ärztekammer und der Stadt Wien dürften zwar nicht frei von politischen Motiven sein, nachdem sich die Mehrheitsverhältnisse in der Kammer im Vorjahr geändert haben. Doch dass Lage in den Spitälern derzeit schwierig ist, wird in Wien auch offiziell bestätigt. Wobei es aus dem Stadtratbüro auch heißt, dass derzeit weniger Covid, sondern vor allem das RS-Virus (bei Kindern) und die Influenza die Hauptrolle spielen. Ungünstig ist auch, dass die Grippe erst jetzt in ältere Bevölkerungsgruppen gelangt. Für die Vorwoche meldete der städtische Grippedienst 25.200 Erkrankungen. "Das hat es in den vergangenen zehn Jahren nie gegeben", heißt es aus dem Büro von Stadtrat Peter Hacker (SPÖ). Bei der letzten großen Grippewelle 2016/17 waren es maximal 19.000 Erkrankungen in einer Woche.

Für ganz Österreich schätzt die Gesundheitsagentur Ages auf Basis von Stichproben-Tests, dass sich täglich etwa 50.000 Menschen mit Grippe und grippeartigen Infekten anstecken. Die Sieben-Tages-Inzidenz wird auf 4.338 geschätzt. Zum Vergleich: Am Höhepunkt der stärksten Omikron-Welle im März lag die Inzidenz bei 3.500.

Dass "klassische" Atemwegserkrankungen so massiv auftreten, hat den Kämpfen um Deutungshoheit unter infektionsepidemiologischen Laien wieder Auftrieb verliehen: Ist es wegen des Endes der Maskenpflicht? Oder gerade wegen der Maßnahmen? Ist es eine "Immunschuld" (was auch immer man darunter versteht)?

Covid könnte das Immunsystem schwächen

Andreas Bergthaler, Leiter des Hygiene-Instituts an der MedUni Wien, sieht mehrere mögliche Erklärungen, schränkt aber gleich ein, dass die Evidenz schwach ausgeprägt sei. Eine Rolle könnten Nachholeffekte aber schon spielen. "Durch die Schutzmaßnahmen waren wir weniger Erregern ausgesetzt. Gerade bei Kleinkindern sind Infektionen in größerem Ausmaß ausgeblieben", so Bergthaler. Doch wie stark wirkt dieser Faktor? "Es ist plausibel, aber schwierig zu beweisen."

"Es ist auch schwierig zu definieren, wo genau das Optimum liegt. Wollen wir verhindern, dass Kleinkinder überhaupt angesteckt werden, dann verschiebt man unter Umständen das Problem nach hinten. Oder will man alles möglichst früh durchrauschen lassen? Es gibt aber Erreger, bei denen das keine gute Idee ist", sagt Bergthaler. Als Beispiel nennt er RSV, das die Atemwege verengt, was bei kleinen Kindern mit ihren sehr engen Atemwegen bedrohlich sein kann. "Zu dieser gesamten Thematik gibt es mitunter recht unterschiedliche Sichtweisen", sagt Bergthaler.

Ein weiterer Faktor könnte aber sehr wohl Covid sein, allerdings indirekt. Von Influenza und Masern ist bekannt, dass diese Viren das Immunsystem schwächen und es für andere Erreger angreifbar machen. Das könnte auch bei Sars-CoV-2 der Fall sein. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass eine Covid-Erkrankung nicht selten von bakteriellen Infektionen begleitet wird, die etwa auch Lungenentzündungen auslösen können. Das berichtete zuletzt auch Infektiologe Weiss von der Uni-Klinik Innsbruck. "Bei der Spanischen Grippe 1918 wird auch vermutet, dass die meisten nicht am Virus selbst, sondern an bakteriellen Superinfektionen gestorben sind", erzählt Bergthaler.

Bei Covid ist dies derzeit mehr qualifizierte Überlegung als harte Evidenz. Sollte sich diese These aber bestätigen, wäre das eher keine gute Nachricht, da Covid bisher mehrfach pro Jahr für größere Infektionswellen gesorgt hat, während sich Influenza mit einer solchen Welle pro Jahr zufriedengibt (von Long-Covid ganz abgesehen).

Eine dritte Erklärung könnten saisonale Unterschiede sein. "Aber auch das ist gar nicht so leicht zu greifen", sagt Bergthaler. "Sommer und Winter sind noch verhältnismäßig klar, aber wie sich die relevanten Parameter von Winter zu Winter ändern und das Infektionsgeschehen neben der Immunitätslage beeinflussen, ist ungenügend verstanden."

Diese Frage ist perspektiv zentral. Denn bei den meisten Viren sind die zeitlichen Verläufe recht stabil - zumindest bisher. So ist der Höhepunkt der Influenza-Saison stets im Jänner/Februar gewesen. Dieser Winter stellt dahingehend eine Ausnahme dar.

Um zukünftige Entwicklungen besser verstehen und um aus ihnen auch Schlüsse, etwa für die Planung in den Spitälern, ziehen zu können, ist aus Sicht von Bergthaler ein Ausbau der Überwachungssysteme von Atemwegserkrankungen nötig. Dies stehe auf der Agenda für 2023, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.

Ob Sars-CoV-2 noch einmal alleine für systemische Probleme in den Krankenhäusern sorgen kann, ist noch offen. Aber es ist vielleicht insofern nebensächlich, wenn andere Erreger auch in den kommenden Jahren zu derart großen Infektionswellen führen wie derzeit. Zumal es fraglich ist, ob die personellen Probleme in den Spitälern so schnell behoben werden können.

Große Strukturreform durch neuen Finanzausgleich?

Die starke Belastung ist aber nicht bloß Folge des Infektionsgeschehens, sondern multikausal. Sogar der medizinische Fortschritt spielt hinein. Ärztinnen und Ärzten stehen immer wirksamere, hochspezialisierte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Das ist grundsätzlich wünschenswert, andererseits bedeuten diese Therapien oftmals auch einen höheren Zeitaufwand.

Die am Montag beginnenden Verhandlungen zum neuen Finanzausgleich könnten ein Fenster der Gelegenheit sein, um im guten, aber doch teuren heimischen Gesundheitssystem strukturelle Anpassungen vorzunehmen. Trotz europaweit hoher Pro-Kopf-Bettenzahl neigt es offenkundig zur Überlastung. Die Länder sprachen sich auch für eine "komplett neue Struktur der Finanzierung" aus. Und Gesundheitsminister Rauch freute sich, dass die Länder nicht einfach mehr Geld forderten, sondern grundlegende Fragen der Kompetenzverteilung und Geldflüsse diskutieren wollen. Allein, eine schnelle Lösung der akuten Probleme bietet das auch nicht.