"Wohnkosten werden zunehmend als finanzielle Belastung gesehen", stellt Karin Heitzmann, Expertin für Armuts- und Ungleichheitsforschung an der Wirtschaftsuniversität Wien fest. Die von Monika Mühlböck vom IHS ausgewertete Befragung mit dem Titel "So geht’s uns heute" der Statistik Austria zeigt, dass die Wohnkosten für 18 Prozent der Bevölkerung zwischen 16 und 69 Jahren im zweiten Quartal 2022 eine schwere finanzielle Belastung darstellt, "Tendenz steigend".

Arbeitslose befürchten Zahlungsschwierigkeiten

Heitzmann erläutert beim Diskurs des Wissenschaftsnetzes, dass vulnerable Gruppen, besonders durch Wohnkosten belastet sind: "Bei Personen aus Haushalten, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren, sind es sogar 40 Prozent und bei jenen mit geringem Haushaltseinkommen 35 Prozent."

Mehr noch: Jede zweite Person aus einem Haushalt, in dem auch Arbeitslose leben, befürchtete im dritten Quartal Zahlungsschwierigkeiten wegen der hohen Wohn- und Energiekosten zu bekommen. In der Gesamtbevölkerung zwischen 16 und 69 Jahren waren es 19 Prozent. Auch diese Befürchtungen nahmen seit Jahresbeginn zu, da war es in Haushalten mit Arbeitslosen erst jeder Dritte, in der Bevölkerung zwölf Prozent.

"Das ist also ein massiver Anstieg", sagt Heitzmann. Bedenklich sei aber auch, dass die Menschen nicht schwarzmalen, sondern in der Vergangenheit zu einem großen Teil mit ihrer Einschätzung richtig lagen: "Bei knapp einem Drittel hat das, was man davor befürchtet hat, im folgenden Quartal auch stattgefunden. Dass man nicht mehr zahlen kann, ist also eingetreten."

Energiekosten belasten zusätzlich

Acht Prozent der Menschen zwischen 16 und 69 Jahren können es sich darüber hinaus finanziell nicht leisten, ihr Haus oder ihre Wohnung angemessen warm zu halten. Wieder sind es unter den Haushalten mit Arbeitslosen deutlich mehr: Hier musste jeder vierte feststellen, dass die Heizkosten zu hoch sind, um es in der Wohnung warm zu haben.

Tania Berger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Umweltsensitivität der Donau-Universität Krems, erklärt, dass Menschen mit wenig Einkommen im Vergleich zum Durchschnitt, mehr für Energie ausgeben müssen: "Energiearme Menschen wohnen sehr häufig in alten, nicht gut gedämmten Häusern. Die Energiekosten wären deshalb also deutlich höher, um den gleichen Wohnkomfort zu erreichen." In der Theorie, denn in der Praxis bleibt es kalt: "Da wird entweder auf das Einheizen, oft auch auf eine warme Mahlzeit verzichtet."

Maßnahmenbündel gegen Ursachenkomplex

Neben der Teuerung macht Berger auf Ursachen, die sich in den vergangenen 15 Jahren verstärkt haben, aufmerksam. Nach der Finanzkrise 2008/09 habe sich Wohnraum zunehmend mangels guter Renditen am Kapitalmarkt zum Gewinnobjekt entwickelt, "die daseinserhaltende Funktion tritt so in den Hintergrund". Wohnungen werden laufend mehr befristet vermietet, "das hat in Summe die Mietpreise nach oben getrieben, dass Vermieter bei Neuvermietungen mehr Möglichkeit haben, den Mietzins zu erhöhen". Sanierungen senken zwar Energiekosten, die Kosten aber erhöhen oft die Mieten.

Weil die Anzahl jener, die Wohnbeihilfe benötigen, gestiegen sei, hätten manche Bundesländer um die Ausgaben dafür zu stabilisieren, Obergrenzen bei dieser Subjektförderung eingezogen. Außerdem sei es in einigen Bundesländern mit der Umstellung von der Mindestsicherung auf Sozialhilfe zu Kürzungen gekommen. "In manchen Bundesländern wird die Sozialhilfe sogar um die Wohnbeihilfe verringert", erklärt Berger.

Beide Wissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass nicht eine Maßnahme ausreicht, sondern es ein Bündel braucht: Sie reichen von Neubau von leistbarem Wohnraum, einer Rückkehr zu mehr Gemeindewohnungen, Feststellen und Verteuern von Leerstand bis hin zu möglichen Beschränkungen des Baus von Luxusvorsorge-Wohnungen. Donau-Uni-Krems-Expertin Berger sagt etwa: "Es stellt sich die Frage, ob wir uns den strukturellen Leerstand durch den Überschuss an Investitionsobjekten im hohen Preissegment als Gesamtgesellschaft leisten können."