Die Österreicher sind skeptisch. In einer im November veröffentlichten Befragung im Auftrag der EU-Kommission zur Einschätzung von Impfungen hielten diese hierzulande nur gut drei Viertel für wichtig. Im EU-Schnitt waren es um fünf Prozentpunkte mehr, beim Spitzenreiter Portugal waren mehr als 90 Prozent von der Bedeutung von Vakzinen überzeugt. Aber nicht nur Impfungen stehen die Österreicher tendenziell kritischer gegenüber als die Bevölkerung anderer EU-Staaten: Vergangenes Jahr attestierte eine Eurostat-Umfrage der Alpenrepublik allgemein ein großes Maß an Wissenschaftsskepsis. Das Interesse an Wissenschaft bei Jungen hielten hier etwa nur knapp 70 Prozent für wichtig für den künftigen Wohlstand des Landes, weniger waren es nur in Rumänien. Auch beim Willen, mehr über wissenschaftliche Entwicklungen zu lernen, lag man am vorletzten Platz.

"Ich bedaure diese Ergebnisse. Sie haben uns überrascht und wachgerufen", sagt Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, in Bezug auf die Eurostat-Erhebung. Diese habe sich die Akademie der Wissenschaften zum Anlass genommen, gemeinsam mit dem Gallup Institut ein österreichisches "Wissenschaftsbarometer" ins Leben zu rufen. Auch diese Befragung zeigt, was schon die EU-weite Umfrage vermuten ließ: Nicht wenige Österreicher stehen der Forschung misstrauisch gegenüber. Von 1.500 telefonisch und online Befragten stimmt immerhin mehr als ein Drittel der Aussage zu: "Wir sollten uns mehr auf den gesunden Menschenverstand verlassen und weniger auf wissenschaftliche Studien." Das Ergebnis erfülle ihn mit Sorge, so Faßmann bei der Präsentation der Umfrage am Mittwoch.

Ihr Browser kann derzeit leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Insgesamt geben aber 70 Prozent der Befragten an, Vertrauen in die Wissenschaft zu haben. Tendenziell misstrauen Menschen mit geringerem Einkommen der Wissenschaft eher: Bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1.500 Euro haben nur 54 Prozent Vertrauen in die Wissenschaft, bei einem Einkommen von mehr als 3.000 Euro sind es dagegen 80 Prozent. Auch die formale Bildung wirkt sich aus: Österreicher mit Matura vertrauten der Wissenschaft zu über 80 Prozent, bei jenen ohne Matura sind es dagegen knapp zwei Drittel. Eine Zweiteilung der Gesellschaft in Wissenschaftsfreunde und Wissenschaftsskeptiker sieht Faßmann dennoch nicht: "Ein gewisses Grundvertrauen aber auch eine mentale Distanz gehen quer durch die ganze Bevölkerung."

Vertrauen in Naturwissenschaften

Das größte Vertrauen genießen übrigens Naturwissenschaften wie Mathematik, Physik und Chemie sowie Medizin und Pharmazie, hier geben jeweils um die 70 Prozent an, Vertrauen zu haben. "Fächer wie Mathematik kennen wir aus der Schule, mit Medizin haben wir irgendwann zu tun, ob wir wollen oder nicht", erklärt Andrea Fronaschütz vom Gallup Institut. Am skeptischsten sind die Österreicher dagegen gegenüber Informatik und künstlicher Intelligenz.

Rund sechzig Prozent der Befragten interessieren sich laut ihren Angaben für Wissenschaft und Forschung, gleichzeitig fühlen sich nicht einmal vier von zehn gut über diese Themen informiert. "Man sieht, dass es einen niedrigeren Informationsstand als gewünscht gibt", sagt Fronaschütz, die eine "Bringschuld" der Wissenschaft sieht. Informationen über Wissenschaft und Forschung müssten für Interessierte leichter zugänglich sein.

Um diese zu finden, nutzten sieben von zehn Österreichern das Internet häufig oder eher häufig. Wikipedia und Videoplattformen wie YouTube sind dabei besonders beliebt. Jeweils rund die Hälfte der Befragten nannte die ORF-Sender, andere Fernsehsender und Tageszeitungen als häufige Informationsquelle. Gleichzeitig sind nur knapp 40 Prozent mit der Arbeit der Medien zufrieden, was die Berichterstattung zu Wissenschaft und Forschung betrifft.

Dabei sei die Rolle der Medien bei der Vermittlung von Wissenschaft entscheidend, betont Faßmann. "Bei einem großen Vortrag können wir 200 Personen erreichen, wir müssen aber 200.000 erreichen." Dass im Entwurf für die geplante neuen Journalismusförderung Wissenschaft nicht als förderungswürdiger Bereich aufgezählt ist, sorgt daher bei der Akademie für Wissenschaften für Unmut. "Es ist mir unverständlich, wieso wir dafür kämpfen müssen", so Faßmann "Wissenschaft und Qualitätsjournalismus gehören zusammen."

Künftig jährliche Befragungen

Die Akademie der Wissenschaften plant, das Barometer künftig jährlich abzufragen. Außerdem sollen Strategien ausgearbeitet werden, um der Skepsis zu begegnen. Wissenschafter müssten lernen, auf Augenhöhe mit der Bevölkerung über den Wert wissenschaftlicher Erkenntnisse zu kommunizieren, ist Faßmann überzeugt. Besonders müsse man die Pflichtschulen erreichen, bisher habe man zu stark auf die Oberstufe gesetzt - zu spät etwa für Jugendliche, die sich für eine Lehre entscheiden. Doch auch in der Politik gebe Aufholbedarf im Umgang mit der Wissenschaft: Etwa beim Thema Gentechnik vermisst Faßmann einen ernsthaften Diskurs, stattdessen stoße man hier auf grundsätzliche Ablehnung. "Wissenschaftsskepsis kommt teils auch von oben", meint Faßmann.(vis)