Seit Jahren wird in Österreich vor einem Ärztemangel gewarnt. Aktuell erfährt man beinahe im Wochenrhythmus dessen Auswüchse: Der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) fehlen in den Spitälern rund zehn Prozent Ärztinnen und Ärzte, in Wien mangelt es an Kassen-Kinderärzten und in manchen Bezirken bleiben Kassenarztstellen für Allgemeinmediziner unbesetzt.

"Ja, wir haben einen Mangel, aber da geht es weniger darum, dass es quantitativ an Ärztinnen und Ärzten fehlt, sondern dass zu viele das Gleiche wollen: dieselben Fächer und in dieselbe Stadt. Das ist in Österreich ganz klar Wien", sagt Till Buschhorn von der Studienvertretung der Humanmedizin an der MedUni Wien.

Tatsächlich bilden Österreichs Medizinuniversitäten im internationalen Vergleich jährlich überdurchschnittlich viele Ärzte aus: Mit mehr als 14 Medizinern pro 100.000 Einwohner lässt man hierzulande auch die Schweiz (11,2) und Deutschland (12) hinter sich. Zudem hat sich die Zahl der Medizinabsolventen und Ärztinnen seit den 1960ern in Österreich mehr als verdreifacht. Wie kann es dennoch sein, dass in vielen Einrichtungen und Bezirken Personal fehlt?

"Viele Studentinnen und Studenten wollen chirurgische Fächer machen: allgemeine Chirurgie, Unfallchirurgie und plastische Chirurgie sind extrem beliebt", sagt Buschhorn. Der 27-Jährige absolviert gerade sein Klinisch-Praktisches Jahr im AKH Wien und wird im Sommer auf dem Arbeitsmarkt aufschlagen.

Neben Spezialisierungen spielen auch Abgänge ins Ausland eine Rolle. Jede und jeder Dritte erwägt, Österreich nach dem Studium zu verlassen. Die Gründe dafür dürften auch in unattraktiven Arbeitsbedingungen liegen. Markus Müller, seit 2015 Rektor der Medizinischen Universität Wien, weist in einem Aufsatz aus dem Vorjahr auf strukturelle Defizite im österreichischen Gesundheitssystem hin, was vor allem die Integration von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten betrifft. Müller berichtet auch auf unterschiedliche Finanzierungsstrukturen sowie Versorgungsunterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten.

Ein weiterer Grund für unbesetzte Stellen in manchen Bezirken ist auch die Pensionierungswelle der "Baby-Boomer" - jene Mediziner, die den geburtenreichen Jahrgängen der 1960er Jahre entstammen.

Pensionierungswelle als Herausforderung

Eine Gemeinde, die diesen Generationenwechsel bereits vollzogen hat, ist Weitersfelden. Der 1.000 Einwohner-Ort im oberösterreichischen Mühlviertel hat erst vor Kurzem den langjährigen Gemeindearzt Anton Kammerer in die Pension verabschiedet. An seiner Stelle kümmern sich nun Isabella Haug und Christian Haider um die Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinde und des Umlandes. Dass es dort zu keinem Versorgungsengpass kommt, verdankt man im Ort auch dem scheidenden Allgemeinmediziner: "Anton Kammerer und Christian Haider waren seit Juli gemeinsam im Dienst, das hat den Übergabeprozess enorm erleichtert", sagt der Weitersfeldner Bürgermeister Franz Xaver Hölzl (ÖVP). Viel könne man als Gemeinde bei der Nachbesetzung nicht tun, so Hölzl. Denn anders als der Begriff "Gemeindearzt" suggeriert, haben Bürgermeister im Bereich der niedergelassenen Ärzte in Österreich nur wenig mitzureden.

Bleibt eine Kassenstelle nach einer Pensionierung unbesetzt, so wird diese im Auftrag der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) über die Landesärztekammern ausgeschrieben. Anschließend folgt für interessierte Mediziner ein Bewerbungsprozess nach einem Punktesystem: Der oder die beste nach Punkten erhält den Zuschlag. So kann es vorkommen, dass in attraktiven Regionen mehrere Bewerber um eine Stelle rittern, während Planstellen im ländlichen Raum unbesetzt bleiben. Manchmal geschehe es auch, dass Zweit- oder Drittgereihte anschließend eine privatärztliche Ordination gründen, da sie trotzdem in ihrer Heimatregion arbeiten möchten. Die Kritik, dass dadurch eine Zwei-Klassen-Medizin entstehe, kennen die praktizierenden Ärzte: So seien Personen, die sich Wahlärzte nicht leisten können, natürlich auf Kassenärzte angewiesen - die Versorgung sei jedoch für alle gedeckt, entgegnet ein Wahlarzt für Kinder- und Jugendheilkunde aus dem oberösterreichischen Zentralraum.

Gemeinschaftspraxis verbessert Arbeitsbedingungen

Zurück im hügeligen Mühlviertel. Dort ist es gelungen, mit einem Zuckerl für die Neo-Mediziner aufzuwarten: Da sich ein neues Gebäude mit acht Wohneinheiten in der Planung befand, konnte die Gemeinde Weitersfelden den Bauträger davon überzeugen, dass im Erdgeschoss eine Gemeinschaftspraxis samt Hausapotheke entstehen solle.

Für Haug und Haider bedeutet dies, dass sie von Anfang an mitbestimmen konnten, wie ihre zukünftige Praxis aussehen soll. Bis dahin ordinieren sie zusammen in den Räumlichkeiten des pensionierten Gemeindearztes. Die Gemeinschaftspraxis ermögliche es ihnen zudem, Beruf und Familie besser zu vereinen. Auch falle die permanente Erreichbarkeit bei Notfällen weg, da man sich den Bereitschaftsdienst außerhalb der Ordinationszeiten mit den Ärztinnen und Ärzten der drei Nachbargemeinden aufteilt.

Eine Branche, die ebenfalls einen Mangel erlebt, ist die Pflege. Der Vorschlag von Reinhold Kerbl, Primar für Kinder- und Jugendheilkunde am Landeskrankenhaus Hochsteiermark/Leoben, den Medizinaufnahmetest durch ein einjähriges Pflegepraktikum zu ersetzen, kommt also nicht von ungefähr. Bei der Studierendenvertretung stößt er jedoch auf wenig Gegenliebe: "Einem kurzzeitigen Pflegepraktikum im Rahmen des Medizinstudiums könnten wir einiges Positives abgewinnen, nicht jedoch mit dem Ziel, den über Jahre entstandenen Pflegemangel zu bekämpfen", sagt Buschhorn.

Soziale Kompetenzen werden abgetestet

Ebenfalls heiß diskutiert wurden die sozialen Kompetenzen der künftigen Medizinerinnen und Mediziner. So soll es beim kommenden Aufnahmetest im Sommer 2023 einen umfangreicheren Frageblock zu sozialen Kompetenzen geben. "Die Frage ist, kann ein Multiple-Choice-Test (Test mit mehreren Antworten zur Auswahl, Anm.) aussagen, ob ich jetzt sozial kompatibel bin oder nicht?", fragt der 27-jährige Medizinstudent. Bei der zugrundeliegenden Logik gehe es unter anderem darum, zu entscheiden, welche Handlung am wichtigsten oder in der jeweiligen Situation am unwichtigsten erscheint - "als erstes kommt die Gesellschaft und zuletzt kommt immer die eigene Person".

Fest steht, dass weder eine Erhöhung der Studienplätze noch Änderungen beim Aufnahmeverfahren den Mangel in manchen Spezialisierungen, Stationen und Bezirken lindern kann. Viel mehr brauche es "weitsichtige Reformen, um das österreichische Gesundheitssystem zukunftsfähig und für junge Ärzte attraktiv zu machen" wie Rektor Markus Müller in seinem Bericht diagnostiziert. Vor allem im Gesundheitsbereich, in dem mehr als 80 Prozent der Beschäftigten weiblich sind, fordern Ökonomen, mehr auf familiäre Bedürfnisse zu achten. Das heißt, Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten und generell eine bessere Work-Life-Balance. Im niedergelassenen Bereich werden auch Anpassungen sämtlicher Kassenleistungen, wie zum Beispiel jene Untersuchungen im Rahmen des Mutter-Kind-Passes (ab 2024 Eltern-Kind-Pass) diskutiert und verhandelt: "Man stelle sich vor, ein Installateur würde seine Tarife über die Jahre hinweg nicht anpassen", sagt der Wahlarzt für Kinder- und Jugendheilkunde.

Till Buschhorn möchte nach seinem Klinisch-Praktischen Jahr entweder als Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder als Urologe arbeiten. Beide Fächer seien zwar klein, würden aber ein breites Spektrum an Erkrankungen sowie chirurgische und internistische Elemente beinhalten. Hinzu kommen verschiedene Altersgruppen und Geschlechter beim Patientenklientel und die Möglichkeit der Niederlassung. "Was den konkreten Arbeitsplatz betrifft, möchte ich gerne an eine Universitätsklinik - einfach, weil man dort tendenziell die breiteste Ausbildung erhält." Welche Uniklinik es sein wird, werde sich im Sommer weisen.