Im niederösterreichischen Landtagswahlkampf erhöht die ÖVP die Schlagzahl gegenüber den Klimaaktivisten, die am Dienstag ihre Klebeaktionen in Wien fortgesetzt haben. Nachdem ÖVP-Generalsekretär Christian Stocker in der "Wiener Zeitung" schon angekündigt hatte, dass neben Verwaltungsstrafen auch Haftstrafen überlegt werden, preschte Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) am Dienstag vor und kündigte einen eigenen Gesetzesvorschlag des Landes an. Das erfolgte ungeachtet des Umstandes, dass Strafrechtsexperten den Sinn einer solchen Änderung bezweifeln.

Härtere Strafen bei Klimablockaden nach deutschem Vorbild forderte Mikl-Leitner nach einem Treffen mit Einsatzorganisationen in St. Pölten. Schon am Montagabend hatte sie beim ÖVP-Wahlauftakt für die Landtagswahl am 29. Jänner ein härteres Vorgehen gegen "sogenannte Klimaaktivisten" verlangt. Am Dienstag sei aus diesem Grund der Verfassungsdienst des Landes mit der Ausarbeitung eines Gesetzesvorschlages beauftragt worden, sagte die ÖVP-Landeschefin. Der Entwurf soll letztlich dem Justizministerium vorgelegt werden.

Aus einer Verwaltungsübertretung solle ein strafrechtliches Delikt nach deutschem Vorbild werden, plant die ÖVP. Die Anliegen der Aktivisten seien verständlich, "aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Mittel einfach die falschen sind", sagte Mikl-Leitner. Es gebe keine Rechtfertigung dafür, "Rettungsorganisationen zu behindern und damit Menschenleben zu gefährden".

Deutschland als Vorbild

Hinsichtlich eines "Mehr an Strafrecht" müsse man sich genau anschauen, was möglich sei. In Österreich werde man erst dann gerichtlich belangt, "wenn bereits etwas passiert ist, wenn bereits Schaden eingetreten ist. Wir wollen aber nicht, dass erst etwas passieren muss, dass es erst Tote geben muss", betonte Mikl-Leitner. Bestraft werden solle bereits das Auslösen einer Gefährdung. Der Verfassungsdienst werde sich nun gemeinsam mit externen Experten mit dem Thema auseinandersetzen. Ein entsprechender Gesetzesvorschlag solle "in den nächsten Tagen" erarbeitet werden.

Klimablockaden gab es bisher in Niederösterreich keine. Man sehe sich aber auch "als gemeinsamen Lebensraum" mit Wien, meinte Mikl-Leitner unter Hinweis auf Tausende Pendler und Einsatzorganisationen, die in der Bundeshauptstadt unterwegs seien.

Apropos Blaulichtorganisationen: Diese betonten beim Pressestatement im Anschluss an den Sicherheitsgipfel unisono, aufgrund der Klima-Blockaden in Sorge zu sein. Landespolizeidirektor Franz Popp führte außerdem ins Treffen, dass zahlreiche Beamte - mitunter auch Spezialkräfte - gebunden seien, "um derartigen Aktionismus zu beheben".

Als Regulativ beispielhaft ins Treffen geführt worden war von Mikl-Leitner am Wochenende der Paragraf 315b des deutschen Strafgesetzbuchs (StGB) mit dem Titel "Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr". Vorgesehen ist dort eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, wenn durch Hindernisse "Leib oder Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet" werden.

Expertin: "Straftatbestand kaum anwendbar"

Laut Ingeborg Zerbes, Strafrechtsprofessorin an der Universität Wien, kommt diese Regelung bei Klimablockaden in Deutschland aber nicht zum Einsatz. "Der Straftatbestand ist ziemlich eng und kaum anwendbar für Klimakleber", erklärte die Juristin dem "Standard". Infrage komme der Tatbestand nur, wenn Menschen - etwa bei Geisterfahrten - ganz konkret einer Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt seien, ergänzte Klaus Schwaighofer, Strafrechtsprofessor an der Universität Innsbruck.

Alois Birklbauer, Strafrechtsprofessor an der Johannes-Kepler-Universität Linz, sah im Gespräch mit dem "Standard" bereits jetzt rechtliche Handhabe für den Fall, dass "Rettungskräfte behindert werden und Menschen Schaden nehmen". Infrage kämen etwa Delikte wie die fahrlässige Körperverletzung. Denkbar seien auch Vorsatzdelikte wie Körperverletzung - wenn sich ein Rettungsauto unmittelbar hinter den Aktivisten befindet und diese es bewusst in Kauf nehmen, Menschen zu schädigen.

Reine Blockaden, die niemanden gefährden, fallen laut den Experten in Deutschland unter Nötigung. In Österreich wird eine Anwendung des Paragrafen 105 StGB vom Obersten Gerichtshof (OGH) abgelehnt, infrage kommen Verwaltungsdelikte. Die Forderung nach einer schärferen Gangart lehnen die Strafrechtsprofessoren hier ab. Es handle sich um "Anlassgesetzgebung", die "rechtlich nicht durchdacht" sei.

Vor "einer Kriminalisierung von friedlichem Protest und einer Diffamierung von Menschen, die ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen und sich für den Erhalt unser aller Lebensgrundlagen einsetzen", warnten die Organisationen "System Change, not Climate Change", "LobauBleibt" und "Letzte Generation". Ähnlich äußerten sich am Dienstag auch Klimaschützer am Rande einer Pressekonferenz in St. Pölten.

FPÖ dafür, Bedenken bei Grünen und Neos

Uneinig zum Thema Strafänderung bei Klima-Blockaden zeigte sich im Vorfeld der niederösterreichischen Landtagswahl am 29. Jänner die Landespolitik. Ähnlicher Meinung wie Mikl-Leitner war Udo Landbauer, Landespartei- und Klubobmann der FPÖ. "Die Angriffe kosten der Allgemeinheit viel Geld und den Einsatzkräften wertvolle Zeit. Radikale Gesetzesbrecher, die Einsatzkräfte an ihrer Arbeit hindern, sind mit voller Härte zu bestrafen". Die Landessprecherin der Grünen, Helga Krismer, äußerte sich gegenteilig. "Die Gesetze sind ausreichend", sagte sie am Dienstag in Radio Niederösterreich. Neos-Spitzenkandidatin Indra Collini ortete in der Diskussion um Strafen für Aktivisten in einer Aussendung "eine Ablenkung der ÖVP vom eigenen Versagen in der Klimapolitik" (red./apa)