Der Bezirk Scheibbs im Mostviertel ist ein guter Ankerpunkt für eine Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung Niederösterreichs. Denn in dieser Region koexistieren, ausgeprägter als anderswo, das Alte und Neue, das Gestern und Morgen. In Scheibbs ist Niederösterreich Agrarstaat, aber auch "Technopol"; prägen Felder und Wälder das Landschaftsbild, aber auch Werkshallen; findet Zuwanderung statt, aber auch Entvölkerung.

Flächenmäßig ist Scheibbs einer der größeren Bezirke des Bundeslandes. Doch seine Einwohnerzahl von nur rund 41.000 Personen, das entspricht dem Alsergrund in Wien, weist Scheibbs als kleineren Bezirk Niederösterreichs aus. Die Bevölkerungszahl stagniert hier seit Jahren, doch während der zersiedelte Süden von hoher Abwanderung betroffen ist, wird im Norden des Bezirks nahe der Hauptverkehrsrouten gebaut und gebaut.

Das Land Niederösterreich, wo am 29. Jänner der Landtag neu gewählt wird, hat eine recht bemerkenswerte Transformation hinter sich, die sich in Scheibbs innerhalb weniger Kilometer offenbart. Am Fuße der Westautobahn liegt Wieselburg, das geografisch am Rande des Bezirks liegt, aber dennoch das klare Zentrum ist. Wieselburg ist neben Krems, Wiener Neustadt und Tulln einer der vier Standorte der "Technopole". So nennt das Land seine spezialisierten Wirtschaftscluster mit Unternehmen, Forschungsinstituten und Ausbildungseinrichtungen, die an einem Ort konzentriert sind.

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Hinter diesen Technopolen steht die Wirtschaftsagentur des Landes, Ecoplus, deren Vorgänger Anfang der 1960er-Jahre gegründet wurde, um im Süden Wiens das bis heute größte Industriezentrum Österreichs (IZ NÖ-Süd) zu entwickeln. Mitte der 1980er, als die Verstaatlichte in eine tiefe Krise rutschte, wovon auch Niederösterreich betroffen war, begann das Regionalförderprogramm von Ecoplus, in das später auch erhebliche EU-Mittel flossen - auch nach Wieselburg. Laut dem Land wurden in den vergangenen 30 Jahren mehr als 60.000 Anträge für Wirtschaftsförderungen bewilligt und eine Milliarde Euro ausbezahlt. Die dadurch ausgelösten Gesamtinvestitionen taxiert das Land auf 15 Milliarden Euro.

So wie der Bezirk Scheibbs prototypisch für das Bundesland ist, trifft das auch auf Niederösterreich in Bezug auf Österreich zu. "Die Wirtschaft bildet den Durchschnitt ganz gut ab", sagt Peter Huber, Regionalökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). Während für Vorarlberg und Oberösterreich die Industrie von herausragender Bedeutung ist, für Tirol der Tourismus und für Wien der gesamte Dienstleistungssektor, ähnelt die Verteilung in Niederösterreich jener Gesamt-Österreichs.

In den Krisen der vergangenen Jahre habe sich die niederösterreichische Wirtschaft auch als relativ stabil erwiesen, berichtet Huber. Das ist der Vorteil der Diversifizierung. Der Nachteil ist: Es geht auch nicht ganz so schnell nach oben, wenn ein Bereich boomt.

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Eine große Herausforderung für Niederösterreich, aber natürlich nicht nur für Niederösterreich, ist die ungleiche Verteilung. Das stete Wachstum ist vor allem auf die Zentralräume beschränkt. In den peripheren Regionen ist zwar die Arbeitslosigkeit sehr gering, doch das hat auch damit zu tun, dass viele wegziehen. Das Waldviertel sowie weite Teile des Weinviertels haben mit teils starkem Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Das ist auch im Bezirk Scheibbs zu sehen. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl in der Gemeinde Gaming um fast 11 Prozent geschrumpft, während sie in der Stadt Wieselburg um beinahe 20 Prozent gewachsen ist.

Ein großer Vorteil für Wieselburg ist die direkte Anbindung ans hochrangige Verkehrsnetz. Wie eine Auswertung des Chefökonomen der Industriellenvereinigung, Christian Helmenstein, zeigt, bündelt sich die Produktivität des Landes vorrangig entlang dieser Routen sowie im Umfeld Wiens. Für Niederösterreich ist es ein Vorteil, über zwei bedeutende Verkehrsachsen zu verfügen, nämlich im Westen und im Süden. Das ist ein Unterschied etwa zur Steiermark.

Die Vor- und Nachteile der Cluster-Wirtschaft

Der Langzeitvergleich mit dem südlichen Nachbarn, der strukturell Niederösterreich ähnlicher ist als Wien oder die westlichen Bundesländer, zeigt fast eine Parallelentwicklung. Das Beschäftigungswachstum seit 2008 war in der Steiermark etwas höher, die Entwicklung seit 2018 sieht leichte Vorteile bei Niederösterreich. In beiden Bundesländern ist ein dynamisches Wachstum bei älteren Arbeitnehmern zu sehen. Der Steiermark gelang es vielleicht etwas besser, ausländische Arbeitskräfte zu gewinnen, aber groß sind die Unterschiede nicht, was angesichts der industriellen Kraft der Steiermark durchaus für Niederösterreichs Wirtschaft spricht.

Was beide Bundesländer eint, ist die Bündelung und Vernetzung der Unternehmen in Cluster, wobei der Mobilitätscluster in der Steiermark mit rund 300 Betrieben eine herausragende Stellung einnimmt. In Niederösterreich sind die vier Technopole auch räumliche Cluster, darüber hinaus hat die Wirtschaftsagentur des Landes aber auch einige dezentrale, inhaltliche Netzwerke geschaffen, zum Beispiel in den Bereichen Bau und Energie, Lebensmittel und Mechatronik. Die Clusterung der Betriebe hat seine Vor- und Nachteile: Auf der einen Seite die erhöhte Innovationskraft durch Kooperation und Austausch, die spezialisierte Qualifikation der Arbeitskräfte bis hin zur Exzellenz; aber es gebe auch ein "Klumpenrisiko", wie Helmenstein sagt. Was, wenn keine Verbrennermotoren für Autos gebraucht werden, für die auch in der Steiermark viele Teile erzeugt werden? Niederösterreich hat damit schon sehr konkrete Erfahrungen gemacht, auch wenn sie länger zurückliegen. Das Waldviertel war einst für seine Textilbetriebe bekannt, heute sind in dieser Branche im ganzen Bundesland nur mehr 1.000 Personen beschäftigt.

Digitalisierung löst Sorgen und Hoffnungen aus

Eine Kennzahl, die für das wirtschaftliche Potenzial gerne herangezogen wird, ist die Forschungs- und Entwicklung-Quote. Hier schneidet Niederösterreich seit Jahren schlecht ab. Doch wie verlässlich sind diese Zahlen? Ökonom Huber verweist auf mögliche statistische Verzerrungen aufgrund der geografischen Lage (Wien), außerdem sorge die familienbetriebliche Struktur dafür, dass viel Entwicklung in den Betrieben selbst passiere. Bei der Zahl der Patentanmeldungen rangiert Niederösterreich bundesweit im Vorderfeld und geriet auch bei anderen Kennzahlen nicht ins Hintertreffen. Niederösterreichs Patentkaiser ist übrigens die Firma ZKW, die Lichtsysteme für Autos produziert und Weltmarktführer ist. Vor einigen Jahren wurde der Betrieb vom LG-Konzern aus Südkorea erworben. Die Zentrale von ZKW steht in Wieselburg.

In den vergangenen Jahren prägte vor allem die Digitalisierung die Wirtschaftspolitik - nicht nur in Niederösterreich. Die Digitalisierung löste in der Politik ambivalente Gefühle aus. Einerseits standen da Befürchtungen eines immensen Stellenverlustes durch die fortschreitende Automatisierung, andererseits sah man auch eine Perspektive für periphere Regionen, wenn die Frage der Erreichbarkeit nur mehr von der Internetleitung und nicht vom Straßennetz abhängt. Bisher ist beides nicht wirklich eingetreten, zumindest nicht im befürchteten bzw. erhofften Ausmaß.

Wifo-Ökonom Huber ortet in der Politik nach wie vor die Sorge vor den langfristigen Risiken der Digitalisierung: Wer zögert, verliert? Es ist tatsächlich viel im Umbruch, und die Wettbewerbsfähigkeit muss immer wieder aufs Neue verteidigt werden. Die Digitalisierung spielt auch in der aktuellen Wirtschaftsstrategie des Landes eine zentrale Rolle. Für diese Agenden sowie für die Wirtschaft allgemein ist in der ÖVP-geführten Regierung Landesrat Jochen Danninger zuständig.

Helmenstein, dessen Expertise in die Landesstrategie einfloss, ist sich sicher: Niederösterreich steht ein erneuter tiefgreifender Wandel bevor. "Es geht um die Transformation in eine wissensbasierte Wirtschaft." Deshalb sei auch die Verdichtung und Vernetzung für das Land wichtig. Die Konzentrationsvorteile würden das Risiko überwiegen - auch in Sachen Digitalisierung.