Wien. Umgeblättert wird nur, wenn es die Stechuhr vorgibt, und zwar im Akkord. Zuvor wurden die Prüflinge alphabetisch aufgerufen und auseinander geschobenen Tischen zugewiesen. Nun sollen sie 35 Minuten lang ihr Bestes geben. Wir befinden uns nicht in einem Militaristencamp, sondern in einer Volksschule, heute steht den Zehnjährigen der Wiener Lesetest bevor.

Dieser Test, welcher der "Wiener Zeitung" exklusiv vorliegt, wurde bisher vom Stadtschulrat weitgehendst unter Verschluss gehalten. Getestet wurden Anfang April fast 30.000 Wiener Schüler aller vierten Volks- und Hauptschulklassen sowie der vierten AHS-Klassen. Heute erfahren die Schüler ihre individuellen Ergebnisse.

Eine Volksschullehrerin, nennen wir sie Brigitte Huber (Name der Redaktion bekannt), und ihre Kolleginnen kritisieren die "unpädagogische" Durchführung massiv: Die Testsituation erzeuge bei den Kindern einen "unglaublichen psychischen Stress" und sei schlichtweg "eine Zumutung".

Vor etwa einer Woche wurden die Gesamtergebnisse des Tests veröffentlicht. Fazit: Jeder vierte Zehnjährige ist ein "Risikoschüler", unter den 14-Jährigen sind zehn Prozent "extrem schwache Leser". Wurde im Test zu viel von den Kindern verlangt? Huber sagt Ja. Sie kritisiert jenen Testabschnitt, bei dem das Verständnis von "fast wissenschaftlichen Texten" abgefragt wird.

Nur gute Leser
dürfen in die AHS?

Außerdem befürchtet sie, dass AHS-Schulen die Lesetests als Aufnahmekriterium heranziehen könnten.

Ein Sprecher des Stadtschulrats bestätigt auf Anfrage der "Wiener Zeitung": Die Testergebnisse werden in einem Schülerstammblatt erfasst und an AHS oder Hauptschule weitergegeben. Dies soll weitere Förderung ermöglichen, wie es heißt. Doch auch das stellen Huber und ihre Kollegen in Frage: Sie kritisieren den "methodisch verrückten" Zeitpunkt des Tests (jeweils in der letzten Schulstufe). Denn dann wäre es zu spät um sich um Leseschwächen zu kümmern, und in den weiterführenden Schulen würde es an Zeit und Ressourcen fehlen.

Entwickelt wurde der Test vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) im Auftrag des Stadtschulrats. Das Bifie war auch schon für die Pisa-Tests verantwortlich.

Lehrerin Brigitte Huber meint, "Lesen muss in eine andere Position gebracht werden". Denn die Volksschüler würden bereits sehr viel lesen, doch "die Gefühlsebene wird selten erreicht", und damit ein "Werkzeug um die Welt zu erobern" vertan.