Emmerich Tálos: Mein Ziel ist es, die Ergebnisse der vorhandenen Arbeiten zu einzelnen Themen mit meinem Studium des Aktenbestandes der Vaterländischen Front, der seit letztem Jahr zugänglich ist, zu verbinden und so zu einer gesamthaften Analyse dieses Herrschaftssystems zu gelangen. Es geht um das ideologische Verständnis, um die Methode der Herrschaft, aber auch um die Frage, zu welchem Zweck diese Macht ausgeübt wurde. Ziel des Regimes war es ja, Politik und Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu formen. Die Herrschaftsmethode kann sicher als autoritär bezeichnet werden; werden alle Ebenen berücksichtigt, so stellt das System eine Facette faschistischer Herrschaft dar.

Der Wiener Historiker Kurt Bauer plädiert, sich vom Begriff Austrofaschismus - aus seiner Sicht ein ideologischer Kampfbegriff - zu verabschieden und stattdessen vom Ständestaat zu sprechen, um Konsens in dieser Debatte zu ermöglichen.

Ich halte es für einen Fehlweg zu glauben, wenn wir uns von bestimmten Begriffen verabschieden, damit auch schon die inhaltlichen Differenzen aus der Welt zu schaffen. Es gibt unterschiedliche Einschätzungen und jeder Teilnehmer an der Debatte muss belegen, wie er zu seiner Beurteilung kommt.

Ständestaat, Austro- bzw. Klerikalfaschismus, autoritärer Korporatismus: Welche Bezeichnung geben Sie dem von Engelbert Dollfuß 1933 mit der Ausschaltung des Parlaments etablierten Herrschaftssystem?

Ich halte nach wie vor den Begriff Austrofaschismus für adäquat. Das "Austro" signalisiert, dass es zwar deutliche Unterschiede zu anderen faschistischen Regimen - vor allem im Hinblick auf den Nationalsozialismus -, aber eben auch Gemeinsamkeiten gibt. Als "Ständestaat" bezeichnete sich das Regime selbst, daher ist es für mich kein wissenschaftlicher, sondern ein politischer Begriff. Die meisten derjenigen, die die Bezeichnung Austrofaschismus ablehnen, beziehen sich auf Autoren aus den 60er und 70er Jahren, die noch nicht den heutigen Quellenzugang gehabt haben.

Faschismus, egal ob in Deutschland oder Italien, wies eine unglaubliche Dynamik und Stärke auf; die Außenpolitik war aggressiv. Dies fehlt in Österreich, wo das Regime vor allem durch seine innere wie äußere Schwäche geprägt war.

Es gab auch schwächere Faschismen. Es stimmt, dass sich der Austrofaschismus außenpolitisch völlig abhängig machte, bis 1936 von Italien, dann von Deutschland. Aber allein aus seiner Schwäche lässt sich nicht ableiten, dass es sich nicht um Faschismus gehandelt hat. Etwa bei den Herrschaftsmethoden mit Führerprinzip, das Monopol der Vaterländischen Front, Einsatz massiver Repression. Die innere Schwäche resultierte vor allem daraus, dass eine Politik der extremen sozialen Schieflage betrieben wurde und damit Integrationsversuche, insbesondere betreffend der Arbeiterschaft, scheiterten.

Hatte das Regime angesichts der inneren Schwäche je die Unterstützung der Massen?

Es gab keine faschistische Massenbewegung wie in Deutschland oder Italien. So gesehen unterscheiden sich die Entstehungsbedingungen durchaus. Die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen waren jedoch weitgehend ident. Der Austrofaschismus hat Partikularinteressen von Banken, Industrie und Bauern berücksichtigt. Dass die Regierung den illegalen Nationalsozialisten entgegengekommen ist, vertiefte seine Schwäche noch weiter. Dollfuß hat ebenso wie Schuschnigg nicht nur die Nationalsozialisten bekämpft, sie haben auch mit ihnen verhandelt, obwohl diese zu Terroranschlägen griffen. Verglichen damit waren die Versuche, die Arbeiterschaft zu integrieren, kläglich.

Das Dollfuß-Bild mäandert noch heute zwischen "Arbeitermörder" und "erstes Nazi-Opfer". Wie glaubwürdig ist aus Ihrer Sicht das Selbstbild des Regimes als Kämpfer gegen die Nazis?

Die Regierung hatte sicher kein Interesse, zu einem Teil Nazi-Deutschlands zu werden. Von daher zielte die Strategie darauf ab, Österreichs Unabhängigkeit zu erhalten. Eine andere Frage ist, ob die Mittel taugten. Das Regime schwächte sich etwa selbst, wenn ständig vom deutschen Charakter Österreichs gesprochen wird, weil die Abgrenzung zu Deutschland fehlt. Und niemand hat Dollfuß gezwungen, ein Regime nach Vorbild des italienischen Faschismus einzuführen. Genauso hätte er sich an damaligen Demokratien wie Frankreich, Großbritannien oder Tschechoslowakei anlehnen können. Österreichs Weg in den Faschismus war von der Regierung selbstgewählt. Der 4. März 1933, der Tag, an dem das Parlament ausgeschaltet wurde, ist nicht vom Himmel gefallen, es gab Voraussetzungen dafür in mehrfacher Hinsicht. In Deutschland kam der Faschismus über das Wahlsystem an die Macht, in Österreich war die bestehende Regierung der treibende Motor.

Wie beurteilen Sie die Rolle der ab 1934 verbotenen Sozialdemokratie - etwa im Hinblick auf den Austrofaschismus und die Frage eines unabhängigen Österreichs?

Was die Unabhängigkeit angeht, so hat sich die Sozialdemokratie mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland von der Forderung nach einem Anschluss verabschiedet. Der Vorwurf, der der Sozialdemokratie zu machen ist, ist die Diskrepanz zwischen verbalen Drohgebärden und realpolitischer Defensive seit 1927. Sie hat damit schlicht die Offensive zur Verteidigung der Demokratie verpasst. Als diese dann im Februar 1934 kam, war es eindeutig zu spät.