Zurzeit bilden Tschetschenen die größte Gruppe der Asylwerber in Österreich. Geschätzte 25.000 leben hier, 12.000 davon wurde Asyl gewährt. Viele wissen nicht, wie es ihren Eltern geht: "Es ist

gefährlich, mit den Verwandten zu telefonieren", berichtet Aslan, der seit 2006 in Österreich lebt.

Der Staat als Bedrohung

Österreich hat in den vergangenen Jahrzehnten Flüchtlingswellen aus verschiedenen Ländern erlebt. Mit den Traumata und ihrer Verarbeitung befasst sich schon seit 1982 das Europäische Zentrum für Migrations- und Integrationsforschung (Eumig) in Wien. "Oft geschieht beim Asylverfahren eine Retraumatisierung durch das Befragen", erzählt der wissenschaftliche Leiter Karl Bohrn. "Politische Flüchtlinge wurden in ihrem Herkunftsland nicht ausreichend geschützt, der Staat ist für sie etwas Bedrohliches. Die Befragung führt zur Wiederauslösung alter Traumatisierungen. Das Verhalten der Asylwerber macht dann schlechten Eindruck und erschwert es, den Asylstatus zu bekommen." Der Psychotherapeut kennt die Probleme aus der Praxis und hat sich im Rahmen seiner Forschungstätigkeit auch mit Langzeitfolgen von Folter und Exil befasst.

Als "kumulative Traumatisierung" beschreibt Sebastian Bohrn-Mena, Eumig-Geschäftsführer und Karl Bohrns Sohn, die Erfahrung politischer Flüchtlinge: "Erst Folter im Herkunftsland, das Verlassen der Heimat und Ablehnung im Aufnahmeland: Diese anhaltenden Retraumatisierungen beeinträchtigen die Aufarbeitung und erschweren die Integration massiv." In Österreich fehle meist die therapeutische Betreuung: "Es gibt keine langfristige Unterstützung, sondern nur eine kurze Krisenintervention."

Ein Augenmerk von Eumik gilt auch der angespannten Lage der Flüchtlingskinder. "Sie übernehmen oft Aufgaben und Funktion, die ihrem Alter nicht angemessen sind", berichtet Bohrn-Mena. Es passiere das, was in der Fachwelt "Parentifizierung" genannt wird - ein Rollentausch zwischen Eltern und Kind. "Junge Flüchtlinge kommen in ein Land, wenn sie noch in einer Entwicklungsphase sind. In der Schule lernen sie Deutsch und werden in die Gesellschaft eingegliedert. Die Eltern sind hingegen oft isoliert und unterbezahlt. Ihre Kinder werden zum Bindeglied zur hiesigen Gesellschaft. Sie begleiten etwa die eigenen Eltern zum Arztbesuch."

Solche Kinder sind frühreif und nach außen hin bestens integriert: "Sie passen sich an und haben früh gelernt, sich Sorgen um die Eltern zu machen. Sie kommen viel besser zurecht als ihre Eltern, orientieren sich an der neuen Gesellschaft, suchen sich neue Vorbilder. Das Rollenmodell der Eltern fehlt. Kinder übernehmen früh eine sehr hohe Verantwortung", analysiert Karl Bohrn.