Vom Süd- und Westbahnhof marschierten die Demonstranten - ausgerüstet mit roten Kapperln, Jacken, Schirmen, Trillerpfeifen und Transparenten - mit den Gewerkschaftschefs an der Spitze zur Abschlusskundgebung auf den Heldenplatz. Schwerer Hagel hat es den KundgebungsteilnehmerInnen nicht gerade leicht gemacht - die Polizei sprach von mehr als 100.000.

ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch hat in seiner Schlussrede erneut Kanzler Wolfgang Schüssel kritisiert. "Wer ist denn diese Straße? Das ist dieser Platz. Das sind mehr als 100.000 Menschen mit Gesichtern. Diese Menschen haben auch eine Stimme und diese Stimme sagt klar und deutlich: So nicht, Herr Bundeskanzler." Und weiter: "Nehmen Sie diese kraftvolle Demonstration, die Wind, Wetter und Hagel getrotzt hat, als ein deutliches Zeichen. Regieren sie mit dem Volks und nicht gegen das Volk", rief der Gewerkschafts-Boss dem Regierungschef und der Menge zu. Die Nationalratsabgeordneten forderte Verzetnitsch auf, gegen den "Pensionsraub" zu stimmen. Erneut betonte er seine Bereitschaft für die Teilnahme an einem Runden Tisch. Zuvor hatte sich schon GPA-Chef Hans Sallmutter überwältigt gezeigt, dass trotz des "Sauwetters" so viele "gewissenhaft" den Weg ins Freie gefunden hätten. Er forderte zum Kampf auf.

Mit dabei waren beim gestrigen Protest auch die christlichen Gewerkschafter. Ihr Vorsitzender und GÖD-Chef Fritz Neugebauer wandte sich gegen einen Beschluss der Reform in der derzeitigen Form: "Hier muss es Qualität vor Tempo geben." Er glaubt, dass das Signal der Demo die Regierung beeindrucken muss. Auch er forderte die Abgeordneten auf, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein.

Pensionsreform: Termin für ÖVP fix, für FPÖ kein Muss

Spekulationen, wonach die Beratungen zur Pensionsreform doch verlängert werden könnten, wurden von Schüssel und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein gestern im Pressefoyer nach dem Ministerrat vom Tisch gewischt. Der 4. Juni bleibt als fixes Datum. FPÖ-Klubchef Herbert Scheibner erklärte aber, dass der Termin "kein Muss" sei. Man werde sich zwar bemühen, den Zeitplan einzuhalten, es gelte aber, die noch aufgetauchten Änderungswünsche einzuarbeiten.

Der Beschluss der Reform bis 4. Juni sei notwendig, um das Budgetdefizit, das heuer auf Grund von Spätfolgen des Hochwassers auf 1,3 Prozent ansteigen soll, 2004 wieder auf 0,7 Prozent senken zu können, betonte Finanzstaatssekretär Alfred Finz beim EU-Finanzministertreffen in Brüssel.

ÖAAB-Obmann Fasslabend zeigt nun Kampfesgeist

Inhaltlich meldete sich Fasslabend mit eindeutigen Forderungen zu Wort: Er macht sich vor allem für die Beibehaltung der "Hacklerregelung" und eine neue, "echte Hacklerregelung" für schwerer Arbeitende stark. Konkret sieht er vor, dass in Berufen mit schwerer Arbeit Frauen mit 55 und Männer mit 60 Jahren ohne Abschläge in Pension gehen können. Alle anderen Berufsgruppen sollten dies nach 45 Beitragsjahren tun können. Auch die NÖ Landesregierung fordert noch Änderungen. Kritik an den Regierungsplänen kam auch von Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer.

Die SPÖ hat indessen 90.000 Unterschriften für ihre Bürgerinitiative gegen die Pensionsreform zusammen getragen. Dies sei ein "Beweis dafür, dass die österreichische Bevölkerung ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen will", betonten die beiden Bundesgeschäftsführer Doris Bures und Norbert Darabos. Sie fordern eine Verlängerung der Frist auf den 30. September - dies sei eine "verantwortungsvolle Deadline". Beide appellierten an die Regierung, den Dialog nicht auszuschließen.

Der Grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen findet es bedauerlich, dass Schüssel an seiner "Eskalationsstrategie" festhalte.

Entscheidung über Runden Tisch soll heute fallen

Die Entscheidung, wann und in welcher Zusammensetzung der Runde Tisch zur Pensionsreform von Bundespräsident Thomas Klestil einberufen wird, dürfte heute fallen. Was der Runde Tisch bringen könne, werde man aber erst nachher sagen können, erklärte Schüssel.