"Die Abwanderung von türkeistämmigen Hochqualifizierten lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen", meint Aydin. Karrieremöglichkeiten seien ein entscheidender Faktor, ebenso "der Wunsch, Neues zu erleben, also Freizeitmöglichkeiten und kulturelle Angebote." Die wirtschaftliche Dynamik der Türkei und die Anziehungskraft türkischer Städte - etwa Istanbuls Image als Kulturstadt - spielten da eine Rolle.

Dass es Deutschland und Österreich nicht gelinge, diese Menschen zu halten liege an den "vielen Barrieren auf dem Arbeitsmarkt, die nicht selten den beruflichen Aufstieg aufhalten, berichtet der Soziologe. Freilich seien die Abgewanderten nicht unbedingt am häufigsten von Diskriminierungen betroffen gewesen, hält Yasar Aydin fest. Diskriminierungen gehörten vielmehr zum Alltag aller Migranten. Es seien gerade jene, die sich erfolgreich integriert haben, die abwandern: "Denn sie sind auch mobiler."

Andere Faktoren für die Abwanderung führt die Wirtschaftsforscherin der Uni Krems, Gudrun Biffl, an: Die Türkei habe ein gutes Wirtschaftspotenzial, gepaart mit zu niedrigem Bildungspotenzial. Für gute, qualifizierte Facharbeiter, die es in Österreich vielschwerer hätten, einen Job zu finden, sei deshalb die Türkei zurzeit sehr attraktiv. Anders sehe es hingegen für Wissenschaftler aus: In der Türkei sei das Klima im Vergleich zu Europa vergleichsweise "forschungsfeindlich". Biffl bestreitet auch, dass viele Angehörige der zweiten Generation in der Türkei heimisch werden. "Sie werden oft wegen ihres Akzents erkannt und gelten deshalb auch dort als Ausländer."

Türkei sucht Akademiker

Einig sind sich Biffl und Yasar Aydin in einem Punkt: Akademiker, die Deutsch und Türkisch perfekt beherrschen, haben im wirtschaftlichen Bereich tolle Aufstiegschancen in der Türkei. Genau solche Personen werden in der Türkei vermehrt gesucht. Das Wirtschaftswachstum in der Türkei führe zur Integration in die Globalisierungsprozesse, was zu einer Zunahme ausländischer Direktinvestitionen führt, meint Aydin: "Die Zahl deutscher und österreichischer Firmen steigt. Das bietet bikulturellen und bilingualen Menschen Beschäftigungsmöglichkeiten in diesen transnationalen Firmen." Diversität, Bilingualität und Bikulturalität sind freilich auch in Europa immer wichtiger. Insofern sei die Abwanderung - so betont der Soziologe "ein echter Verlust".