Wien. Ende des Monats wird das Umweltverträglichkeitsgutachten für die umstrittene dritte Piste am Flughafen Wien-Schwechat fertiggestellt sein. Am 29. August findet die mündliche Verhandlung statt, gegen Jahresende erwartet der Flughafen eine erstinstanzliche Entscheidung. Ob die dritte Piste dann gebaut wird, ist nicht sicher - und wenn ja, ist mit einer Fertigstellung nicht vor 2020 zu rechnen.

Der größte Konkurrent Wiens ist da schon einen großen Schritt weiter: Am Flughafen München gibt es bereits den sogenannten Planfeststellungsbeschluss für die dritte Piste. Erwartete Klagen miteingeplant, rechnet man dort "bestenfalls mit einer Fertigstellung 2015", wie Flughafensprecher Robert Wilhelm am Mittwoch erklärte.

Die Frage ist nun, wie interessant ist ein Flughafen Wien für die Lufthansa, wenn der nur 300 Kilometer entfernte Flughafen München - an dem die Lufthansa im Übrigen beteiligt ist - mit ihrer neuen dritten Piste die zentraleuropäische Drehscheibenfunktion komplett übernehmen könnte?

Beide Flughäfen haben das gleiche Problem: Sie sind zu den Spitzenzeiten stark überlastet. Allein in Wien gibt es laut Flughafensprecher Peter Kleemann derzeit rund 20 Millionen Passagiere im Jahr, 2025 werden es 37 Millionen sein. Der Unterschied ist nur, dass die Lufthansa der größte Befürworter einer dritten Piste in München ist, sich aber zu Wien kaum geäußert hat.

"Das braucht sie auch gar nicht, denn die Austrian Airlines ist Teil der Lufthansa und sagt: Wir brauchen die dritte Piste", meint man bei der Austrian Airlines dazu.

Trotzdem dürfte Verunsicherung in der Luft liegen. So erklärt der Austrian-Airlines-Sprecher, dass es gewisser "Hausaufgaben" bedürfe, um sich im Wettbewerb mit anderen europäischen Drehkreuzen durchzusetzen. Das wäre eben die dritte Piste, aber auch konkurrenzfähige Kosten. "27 Prozent unseres Umsatzes fließen in die Gebühren für den Flughafen. Bei der SAS in Skandinavien sind es nur 15 Prozent", beklagt man bei der Airline. Damit München Wien nicht den Rang ablaufe, müsse man eben als "Systempartner die richtigen Entscheidungen treffen".

Auch am Flughafen Wien betont man das Augenmerk auf die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit. "Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir gegenüber der Lufthansa signalisieren: Wir haben genug Kapazitäten für die Drehscheibenfunktion", so Flughafensprecher Peter Kleemann. Jedenfalls seien die Spitzen ohne dritte Piste nicht mehr zu bewältigen.

München ist stärker

Derzeit wickelt der Flughafen München immerhin schon rund 35 Millionen Passagiere pro Jahr ab und hat bereits die höchste wöchentliche Flugfrequenz in die neuen EU-Staaten.

Die Frage nach der Relevanz des Flughafens Schwechat kann für Wilhelm nur die Lufthansa selbst beantworten. Und die sagt zur "Wiener Zeitung": "Für uns ist klar, dass Wien für unsere Tochtergesellschaft ein zentrales Drehkreuz ist und damit auch für die Lufthansa. Diese Einstellung unterstreichen wir am Montag auf dem Wiener Flughafen durch die Taufe unseres Airbus 380, den wir ,Wien nennen werden."

Auch Austrian-Sprecher Kleemann betont, dass Wien in Konkurrenz zu einem Dutzend Drehkreuzen stehe und nicht nur zu München. Einziger Standortnachteil gegenüber München sei der kleine Markt in Österreich, weshalb man auf Umsteigeverkehr angewiesen sei - und somit auch auf die dritte Piste.

Dass der Flughafen Wien-Schwechat sein Geschäftsmodell ändern müsste und mindestens 50 Prozent seines Umsatzes einbüßen würde, sollte sich die Lufthansa von Wien abwenden, wollte keiner kommentieren. Auch daran, dass ein Konzern die Strategie verfolgt, einen Konkurrenten aufzukaufen, um die Kapazitäten zu einem Standort zu verlagern, an dem er selbst beteiligt ist, wagt keiner zu denken.

"Wäre entsetzlich"

"Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich die Lufthansa eine Fluglinie kauft und mit ihr keinen Gewinn machen will", meint Wiens Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank dazu. Der Flughafen Wien mit seiner Drehkreuzfunktion in den Osten sei die Wachstumsvoraussetzung für unsere Wirtschaft, betont sie. "Die Hub-Funktion des Flughafens hat dazu geführt, dass sich unzählige Unternehmen in Wien angesiedelt haben - die Vorstellung wäre entsetzlich, würde Wien-Schwechat zu einem Regionalflughafen", betont Jank. Den Ost-Schwerpunkt nach München abzuziehen wäre ihr zufolge ein großer Fehler, denn nicht nur die Lage Wiens, sondern auch die hier angesiedelte Ost-Kompetenz sei ein unverzichtbarer Standortfaktor.