Omar Al-Rawi: Dieser Vorwurf tut weh, weil jeder, der mich kennt, weiß, dass ich stets für einen friedlichen Dialog eintrete. Ich kann diese Kritik nicht nachvollziehen und weise sie zurück.

Peter Menasse: Ich spreche nicht für die Kultusgemeinde, bin noch nicht einmal Mitglied, aber uns - und hier spreche ich für die jüdische Zeitschrift "Nu" - hat dieser Gemeinderatsbeschluss doch ziemlich verblüfft. Das ist keine Sache, die Herrn Al-Rawi alleine angeht, das betrifft den gesamten Wiener Gemeinderat. Dieser ist nach unserem Verständnis einfach kein Organ der Außenpolitik und tatsächlich mischt er sich in diese auch fast nie ein, außer eben, wenn es gegen Israel geht. Das ist ein Problem.

Al-Rawi: Natürlich stimmt, dass der Gemeinderat keine außenpolitische Kompetenz besitzt. Er hat in den letzten Jahren aber immer wieder - nicht oft, aber doch - die Bundesregierung oder die EU aufgefordert, Stellung zu beziehen. So haben wir die Aussagen des iranischen Staatschefs Ahmadinejad zum Existenzrecht Israels genauso verurteilt wie den Angriff auf den Irak oder die Kurden-Frage thematisiert. Israel hat es jetzt erstmals betroffen.

Menasse: Mir geht es um die Verhältnismäßigkeit dieser Resolution: Mittlerweile liegen ja Analysen der Vorgänge vor. Diese zeigen, dass eine türkische Organisation auf dem Boot das Kommando übernommen und sich, wenn auch vielleicht unzulänglich, bewaffnet hat. Israel hat die Soldaten offensichtlich schlecht vorbereitet. Diese wurden von der Gruppe an Bord attackiert - so ist es offensichtlich zu dieser bedauernswerten Überreaktion gekommen. Und das ist dem Gemeinderat einen Beschluss wert, wenn gleichzeitig zehntausende Usbeken in Kirgistan massakriert und zahllose Kurden in der Türkei unterdrückt werden? Selbstverständlich ist dieser Vorfall zu verurteilen, aber die Leute auf dem Schiff waren ganz sicher keine anständigen Menschen, die dem Frieden dienen wollten. Der Gemeinderat wäre gut beraten einzugestehen, dass er überreagiert hat.

Al-Rawi: Ein Vertreter der deutschen Linkspartei, Norman Paech, der mit auf dem Schiff war, schwört, dass es keine Bewaffnung gegeben habe. Zwar sagt er auch, dass er verletzte israelische Soldaten gesehen habe, aber meiner Meinung nach rechtfertigt auch Widerstand nicht, dass neun Menschen erschossen werden. Die Israelis haben leider Bildmaterial konfisziert. Und: Diese Menschen waren sehr wohl anständig.

Menasse: Wir reden hier als Bürger eines Rechtsstaates. In diesem einen Fall steht Aussage gegen Aussage. Angesichts dessen muss man einfach mit kühlerem Kopf an so eine Sache herangehen und nicht schon am nächsten Tag verurteilende Beschlüsse fassen und dann auch noch zu Demonstrationen aufrufen. Ich sage Ihnen etwas: Junge türkische Leute, die in Österreich sicher kein leichtes Leben haben, weil sie oft nicht akzeptiert und frustriert sind - diese Jugendlichen werden durch Demonstrationen dieser Art verführt zu glauben, ihr Leben wäre besser, wenn sie in Österreich Juden angreifen. Es ist absurd, wenn türkische Jugendliche meinen, die Juden wären ihre Feinde und Heinz-Christian Strache und Konsorten ihre Freunde. Das ist doch ein wirklicher Jammer. Statt zu streiten, müssten wir gemeinsam demonstrieren gegen all jene, die uns Juden und Ihre Muslime nicht als vollwertige Menschen sehen. Uns verbindet mehr, als uns trennt, und das müssen wir auch den gefährdeten Jugendlichen beibringen.

Al-Rawi: Da bin ich voll bei Ihnen. Uns trennt die Einschätzung des Nahost-Konfliktes, aber ansonsten haben wir die gleichen Sorgen und Gegner. Wir Muslime haben auch die klare Haltung der Kultusgemeinde zu Fragen wie Minarett- oder Kopftuch-Verbot geschätzt. Antisemitismus ist durch nichts zu rechtfertigen.

Menasse: Sie, Herr Al-Rawi, haben allerdings bei einer Demonstration mitgemacht, bei der es zu antisemitischen Ausfällen gekommen ist. Ich weiß, dass Sie diese Leute nicht eingeladen haben, aber ich an Ihrer Stelle wäre heimgegangen, wenn es zu solchen Vorfällen kommt.

Al-Rawi: Ich bitte Sie, hier genau zu unterscheiden: Es hat eine unangemeldete Demonstration gegeben. Bei dieser wurden Scheiben an einem Haus, aus dem die israelische Flagge hing, eingeschlagen, und auch dieses unselige Plakat mit dem Slogan "Hitler wach auf" hochgehalten. Aber da war ich nicht dabei. Bei der angemeldeten Demonstration Tage später, bei der ich und andere geredet haben, ist es zu keinen antisemitischen Ausfällen gekommen.

Zur angemeldeten Demonstration haben Gruppen aufgerufen, die ansonsten wenig bis nichts miteinander gemeinsam haben. Vereint die Kritik an Israel?

Al-Rawi: Was vereint, ist die Solidarität mit den Palästinensern, nicht die Kritik an Israel. Die türkische Seele hat in diesen Tagen gekocht, weil die Gaza-Hilfsflotte unter türkischer Flagge fuhr und alle neun Toten türkische Bürger waren beziehungsweise aus der Türkei stammten.

Menasse: Diese Demonstranten, waren das Türken oder Österreicher?

Al-Rawi: Na, die Staatsbürgerschaft der Teilnehmer habe ich natürlich nicht überprüft .. .