Die sogenannte "Gastarbeiter"-Generation kommt ins Pensionsalter. Darauf müsste auch unser Gesundheitssystem reagieren, findet der Soziologe Christoph Reinprecht von der Universität Wien. Er forscht seit mehr als 15 Jahren über Alter, Migration, Integration und soziale Ungleichheit.

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"Wiener Zeitung": Wie unterscheiden sich im Alter die Lebensumstände der Migranten von jenen autochthoner Österreicher?

Christoph Reinprecht: Die Pensionseinkommen von Arbeitsmigranten sind oft niedriger, die Wohnverhältnisse schlechter und die gesundheitliche Situation ist noch problematischer als bei österreichischen Arbeitnehmern. Viele Migranten haben angenommen, sie würden wieder zurückkehren. Als dies nicht eingetreten ist, haben sie hier Netzwerke mit ihren Landsleuten gebildet. Im Alter gewinnen ethnische Zugehörigkeiten an Bedeutung. Bestehen noch Kontakte zum Herkunftsland, pendeln manche hin und her.

Klingt nicht gerade nach Engagement im Pensionistenverein.

Stattgefunden hat eine partielle Integration - in den Arbeitsmarkt, in die Sozialversicherung, aber nicht in Wissens- und Informationssysteme. Die Migranten, die jetzt alt sind, haben überwiegend keinen Deutschkurs besucht, sind in Segmenten des Arbeitsmarktes tätig gewesen, wo es nicht notwendig war, Deutsch zu sprechen. Niemand hat die Arme aufgemacht und gesagt: "Ihr seid willkommen." Die Gewerkschaft etwa hat sich lange nicht um sie gekümmert. Man war der Meinung: "Die sind eh nur kurz da, außerdem sind sie eine Konkurrenz zur Stammbelegschaft und Lohndrücker." Auch anderen Strukturen wie Freizeiteinrichtungen blieben die Migranten fern. Sie wissen oft gar nicht, was es gibt und für wen es gedacht ist.

Fallen die Alten bei den Integrationsmaßnahmen durch das Raster?

Bei Integration denkt man primär an Junge, die Alten fallen aus der Wahrnehmung raus. Die Familie hat deshalb eine extrem wichtige Funktion. Während man bei österreichischen Alten davon spricht, dass die Leute allein leben, sich auch einsam fühlen, ist hier das Gegenteil der Fall. Oft bestehen bis in die vierte Generation relativ stabile Verpflichtungsnormen.

Aber ändern sich die Familienstrukturen von Migrantenfamilien nicht im Laufe der Zeit?