Wien.

"Die Genügsamen" heißt dieses Bild aus der Sammlung der Nationalbibliothek, das völlig erschöpfte Gastarbeiter zeigt, die sich 1965 in einer Wartehalle ausruhen. - © VGA
"Die Genügsamen" heißt dieses Bild aus der Sammlung der Nationalbibliothek, das völlig erschöpfte Gastarbeiter zeigt, die sich 1965 in einer Wartehalle ausruhen. - © VGA

Wien sollte nur ein Zwischenstopp werden. Denn eigentlich waren Jela und Boško auf dem Weg nach New York. Damals, 1970, als die beiden mit nichts als einem Plastiksackerl in der Hand in Österreich angekommen sind, war Jela 19 Jahre alt, ihr frisch angetrauter Ehemann 22. Fragt man sie heute, woher sie den Mut für diese Reise genommen haben, sagt Jela: "Wenn man jung ist, überlegt man nicht viel." Und Boško ergänzt: "In Jugoslawien war es auch nicht einfacher."

Einfach hatten es die beiden ohnehin nie. In der Anfangszeit in Österreich sei es "in jeder Hinsicht schwierig" gewesen. In den ersten Wochen wohnten sie im 23. Bezirk in einer Ein-Raum-Wohnung - auf 20 Quadratmetern mit 17 anderen Gastarbeitern. Jela arbeitete als Näherin; Boško, der gelernte Maurer, fand zwar schnell einen Job in Österreich, verdiente aber zunächst weniger als daheim in der Vojvodina. Aber sie wollten ja ohnehin nur ein Reisebudget für New York zusammenkratzen. Doch dann wurde Boškos Mutter in Serbien krank, die Distanz zu den USA erschien zu groß - also blieben sie vorerst in Wien und siedelten in einen Rohdachboden um. Das sei schon fast Luxus gewesen, meint Boško und lacht.

Vier Monate nach ihrer Ankunft in Wien war Jela schwanger - und damit schien besiegelt, dass die Kleinfamilie vorerst in Wien bleiben würde. Für Boško war aber klar, dass der Sohn in Jugoslawien eingeschult werden muss. Dass sich Jela durchgesetzt hat und die Familie mit zwei Kindern und zwei Enkeln immer noch in Wien wohnt, muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Doch wie so viele Gastarbeiter, die zu "Dauergästen" wurden, haben sie die alte Heimat nie wirklich aufgegeben: Während man in Wien bis in die späten 1980er Jahre hinein zu viert in einer Kabinett-Küche-Wohnung mit WC und Wasseranschluss am Gang auskommen musste, wurde das Bargeld, das Boško mit einem anstrengenden aber wenigstens endlich besser bezahlten Job in einer Eisengießerei verdiente, in ein Haus in ihrer Heimatstadt Zrenjanin gesteckt. Während der Jugoslawien-Kriege kamen dort geflüchtete Verwandte unter, seither ist es eines jener nur in den Sommerferien bewohnten Häuser, wie man sie überall in dieser Gegend sieht.

Auch mit der deutschen Sprache tun sich die beiden schwer - dafür verfolgt Boško über Satellitenfernsehen gespannt jede Nachrichtensendung aus Serbien, dem Land, deren Staatsbürger er und seine Frau auch nach 40 Jahren noch sind. Trotz allem: "Ex-Jugoslawien ist die Heimat, zu Hause sind wir aber dort, wo unsere Kinder und Enkel sind", sagen sie - eine Rückkehr nach Zrenjanin kommt für sie nicht in Frage.