Wien. Sie waren billige Arbeitskräfte und sie haben die österreichische Wirtschaft vorangebracht. Wie berichtet, jährt sich dieser Tage das Raab-Olah-Abkommen, mit dem der Grundstein für die Anwerbung von Gastarbeitern gelegt wurde, zum 50. Mal. Dass es überhaupt dazu gekommen ist, sei ein "Akt der Verzweiflung" gewesen, erklärt die Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl, Leiterin des Departments für Migration und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. Denn die Konjunktur war gut - und in Österreich gab es eine "absolute Verknappung von Arbeitskräften". So fehlten zum Beispiel 100.000 Techniker und Ingenieure, die wegen des höheren Lohnniveaus lieber in Deutschland oder der Schweiz arbeiteten. Durch die Verlängerung der Schulpflicht fiel mit einem Schlag ein ganzer Jahrgang für den Arbeitsmarkt aus. Gleichzeitig wurde die soziale Absicherung derart verbessert, dass ältere Menschen nicht mehr unbedingt arbeiten gehen mussten.

Doch auch der Versuch, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben, verlief zunächst fruchtlos: Zu Beginn der 1960er Jahre blieben Anwerbeabkommen mit Spanien und Italien ohne Erfolg, da die Löhne in Österreich kaum höher waren als zum Beispiel in Italien. "Man war so blauäugig und hat gedacht, man könne dieselben Abkommen schließen wie Deutschland Jahre zuvor und hätte denselben Effekt", so Biffl.

Erst durch die Anwerbeabkommen mit der Türkei und vor allem mit Jugoslawien kam es zu einem Boom: Während 1963 noch 21.000 Gastarbeiter in Österreich tätig waren, waren es 1973 schon 227.000, erklärt der Linzer Wirtschaftshistoriker Michael John.

Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent

In dieser Zeit erlebte Österreich laut Biffl ein Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent pro Jahr. Denn die Anwerbung und Versorgung von Gastarbeitern sei für die Unternehmen zwar mit enormen Anfangskosten verbunden gewesen - immerhin musste nicht nur die Anwerbung im Heimatland administriert werden, die Firmen mussten auch die Reisekosten übernehmen und für eine "ortsübliche Unterkunft" aufkommen. Allerdings habe sich das rasch amortisiert: Die Angeworbenen durften aufgrund des Rotationsprinzips nur ein Jahr in Österreich bleiben - daraufhin reisten sie aus, kamen mit einem Touristenvisum und auf eigene Kosten wieder und wurden so rasch zur Stammbelegschaft für die Unternehmen. Obwohl ihre Entlohnung laut Raab-Olah-Abkommen nicht schlechter hätte ausfallen dürfen als für österreichische Arbeitskräfte, war dies in der Praxis sehr wohl der Fall: Der Grundlohn war zwar gleich, doch bei den Zulagen sparten die Firmen massiv. Auch gesamtwirtschaftlich zahlte sich die Gastarbeit aus: Durch das Rotationsprinzip erwarben Gastarbeiter lange Zeit keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe. Auch die saisonale und konjunkturelle Arbeitslosigkeit "wurde exportiert", wie die Expertin sagt. Vom Krisenjahr 1973 bis 1976 wurden 35 Prozent der Gastarbeiter nicht weiter beschäftigt, die Gesamtarbeitslosenquote stieg laut AMS in dieser Zeit aber nur um 0,8 Prozentpunkte.

Auch den Herkunftsländern der Gastarbeiter hat das Modell "wahnsinnig viel gebracht", sagt Biffl. So ernährten die Geldüberweisungen ("Remittances") der Emigranten oft ganze Familien, die Arbeitslosigkeit in der Türkei und Jugoslawien wurde gesenkt. Damit sei der Druck von diesen Staaten genommen worden, das eigene Sozialsystem auszubauen.

Laut John wird anhand der Remittances deutlich, ab wann die Gastarbeiter Österreich als ihre neue Heimat angesehen haben: Seit den 1980ern seien die Zahlungen in die alte Heimat zurückgegangen, das hier verdiente Geld wurde auch hier ausgegeben.

Viele ehemalige Gastarbeiter sind heute benachteiligt: Beispielsweise lebten 2001 in Wien 23,1 Prozent der Serbischsprachigen in Wohnungen mit Gang-WC - unter den Türkischsprachigen sind es 17 Prozent, unter den Deutschsprachigen hingegen nur 2,4 Prozent.