Nach der römisch-katholischen Kirche ist die Universität die europäische Institution mit der längsten Lebensdauer. Warum, so fragen Kritiker der jüngsten hochschulpolitischen Entwicklungen, wird diese offenbar erfolgreiche Einrichtung nun einem Reformstakkato unterworfen, der sie seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommen lässt? Aber abgesehen davon, dass die Krise der katholischen Kirche kein schlechtes Beispiel für die Folgen lange währender Reformresistenz abgibt, ignoriert dieses Argument die tief greifenden Transformationen, mit denen die europäische Universität in ihrer langen Geschichte auf existenzbedrohende Krisen reagiert und sich mehrfach "neu erfunden" hat.

Eine erste schwere Krise trat zu Beginn der frühen Neuzeit auf, als die Universitäten im Zuge der Religionskonflikte ihre gesamteuropäische Identität zu Gunsten einer Anbindung an die entstehenden Territorialstaaten aufgaben. Die ökonomischen und politischen Revolutionen des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts haben dann einen Umbruch ausgelöst, in dessen Verlauf die Forschungsuniversität entstand, welche nicht nur das Wissen der Vergangenheit aufbewahrt und weitergibt, sondern ihre Hauptaufgabe in der Produktion neuen Wissens sieht.

Vergängliche historische Pracht im tristen Heute. - © APA/ROLAND SCHLAGER
Vergängliche historische Pracht im tristen Heute. - © APA/ROLAND SCHLAGER

Gewiss, das waren "Jahrhundertreformen", die den Universitäten genügend Zeit zur Transformation an die veränderten sozialen Gegebenheiten ließen. Die Belastungen, die daraus erwachsen, dass sich die hochschulpolitischen Reformzyklen nun im selben Takt beschleunigt haben wie der gesellschaftliche Wandel insgesamt, sind nicht zu übersehen. Erschwerend für die österreichischen Universitäten ist, dass sie gegenwärtig in den Strudel der jüngsten, durch Globalisierung und Digitalisierung ausgelösten Umbrüche hineingeraten, ohne noch den davor liegenden Umbruch, in dessen Verlauf die US-amerikanische Universität zum weltweit dominanten Modell wurde, umfassend nachvollzogen zu haben.

Um 1900 waren die deutschsprachigen Universitäten - darunter einige österreichische - am Zenit ihres Ruhms. Wären damals schon Rankings in Mode gewesen, hätten sie die Spitzenplätze eingenommen. Aber im Nachhinein betrachtet verdeckte ihr Erfolg bei den Nobelpreisen den Umstand, dass sich ein Paradigmenwechsel anbahnte, der in wenigen Jahrzehnten eine bis dahin unbekannte Dynamik entfaltete: der Durchbruch der Massenuniversität und das Entstehen der Großforschung.

Es war die US-Universität, die sich zuerst gegenüber den Qualifikationsbedürfnissen breiter Schichten öffnete und dem Umstand Rechnung trug, dass moderne Gesellschaften in immer mehr Bereichen auf die Ausbildungs- und Forschungsleistungen der Universitäten angewiesen sind. Hier wurde die gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende ökonomische Nachfrage nach universitärer Forschung als Chance begriffen und nicht als Angriff auf die eigentliche Bestimmung dieser Institution. Im deutschsprachigen Raum dagegen pflegten die Universitäten noch lange eine geistesaristokratische Attitüde und bezogen ihre Identität daraus, sowohl zu den "Massen" wie zu den praktischen Dingen auf Distanz zu gehen.

Ab den 1960er Jahren, vor allem im Zuge der sozialdemokratischen Reformpolitik der 1970er, hat das österreichische Hochschulsystem den Anschluss an diese Entwicklungen gesucht und dabei beachtliche Erfolge erzielt. Behindert wurde dieser Prozess zum einen durch ein vormodernes Verständnis der "Akademiker" als eines homogenen Bildungsstandes, der sich vom Rest der Bevölkerung trennscharf unterscheidet. Auf konservativer Seite drückt sich das in einer tief sitzenden Abneigung gegen "zu viel" tertiäre Bildung aus, während viele Linke glauben, die Hochschulexpansion würde zu einer Demokratisierung geistesaristokratischer Ideale führen. In der Wirklichkeit geht die Ausdehnung tertiärer Bildung aber mit neuen Formen der Differenzierungen einher. Die surrealen Debatten über den offenen Hochschulzugang lassen erkennen, dass diese Botschaft noch immer nicht bei allen hochschulpolitischen Akteuren angekommen ist.

Zweitens hielt die Reformpolitik auch zu einem Zeitpunkt am kulturstaatlichen Modell machtgeschützter akademischer Autonomie fest, als es seiner Substanz längst beraubt war. Dieses Modell, in dem der Staat die Universitäten fördert, ohne ihnen Bedingungen zu stellen, war auf die kleinen Elitesysteme des 19. Jahrhunderts zugeschnitten. Mit Beginn der Hochschulexpansion hat es die staatliche Hochschulpolitik de facto aufgekündigt und die Universitäten zunehmend als Motor ökonomischer Entwicklung betrachtet. Der Staat war kein wohlwollender Patron mehr, sondern hat sich zunehmend dirigistisch verhalten.

In der Aufbruchstimmung der frühen 1970er Jahren blieben die inneren Widersprüche dieser Konstruktion verborgen. Aber in den 1980ern machten sie sich umso heftiger im Ruf nach mehr Autonomie Luft. Doch merkwürdig, als ein Paradigmenwechsel in der staatlichen Hochschulpolitik den Weg für erweiterte Universitätsautonomie freimachte, stieß das bei großen Teilen des akademischen Personals auf heftigen Widerstand. Nicht selten bei denselben Personen, die der Politik und der Bürokratie pauschal Unfähigkeit und Wissenschaftsfeindlichkeit unterstellten. Aber mit der Perspektive universitärer Autonomie konfrontiert, klammerten sie sich am Rockzipfel der Ministerialbürokratie fest und klagten, der Staat würde sich seiner Verantwortung entziehen. Noch heute sitzen viele im Schmollwinkel und trauern der guten alten Zeit nach, in der paritätisch besetzte Gremien heroische Beschlüsse fassten, die dann vom Ministerium souverän ignoriert wurden.