Wien. Erst vor wenigen Jahren haben heimische Großbanken die Zielgruppe der Migranten entdeckt. Gerne wurde mit dem Begriff Ethnobanking hantiert und Bankberater mit exotischen Namen wurden in den Vordergrund gestellt. Mittlerweile ist der Begriff Ethnobanking großteils entsorgt. "Es ist ein Unwort, aber wir haben kein besseres", sagt Peter Vesely, Pressesprecher der Raiffeisenlandesbank Wien/Niederösterreich, die 2008 das Thema aufgegriffen hat. Heute betont man eher die "selbstverständliche Beiläufigkeit", mit der auf Bedürfnisse von Zuwanderern eingegangen werde.

In der Praxis bedeutet das: Die Kundenbetreuer beraten auf Serbisch, Türkisch oder Kroatisch. Bis vor kurzem war das unüblich in den Bankfilialen, wenn nicht sogar unerwünscht. In der Regel sind die neuen Berater selbst zugewandert oder stammen aus Migrantenfamilien. Eine von ihnen ist Dafina Radic, die vor drei Jahren bei Raiffeisen in Wien-Ottakring mit der Arbeit begonnen hat. "Früher haben sich die Kunden für ihr schlechtes Deutsch geschämt. In der Muttersprache haben sie sich dann mehr geöffnet, sind selbstbewusster geworden und kommen gerne in die Bank", erzählt die Mittzwanzigerin, die in Wien geboren und aufgewachsen ist. Das Kundengespräch auf Serbisch zeichne sich vor allem durch die Länge aus: "Zuerst besprechen wir ausführlich das Private, dann erst das Geschäft."

Mit Sprachproblemen ist Anita Czap, Kommerzkundenbetreuerin bei der Erste Bank, weniger konfrontiert. Seit 2002 lebt die gebürtige Serbin in Wien, seit mehr als drei Jahren kümmert sie sich im 15. Wiener Gemeindebezirk um die Geschäftskunden, von denen ein geschätztes Fünftel Einwanderer sind. "Die meisten können gut Deutsch. Aber auch bei ihnen kommt es gut an, wenn ich sie auf Serbisch berate. Es ist gleich Vertrauen da, sie erzählen mehr über sich und die Familie", weiß Czap.

Keinesfalls würden aber alle serbischsprachigen Kunden sofort bei ihr landen: "Das wären auch zu viele. Wer gerade Zeit hat, übernimmt einen Neukunden. Wenn jemand nur wenig Deutsch kann, verweisen die Kollegen auf mich." Sowohl bei Raiffeisen als auch bei Erste Bank nennt man die persönliche Weiterempfehlung als wichtigsten Weg der Neukunden zu ihren Bankberatern. An die 6000 Neukunden mit Migrationshintergrund habe die Erste Bank in den vergangenen drei Jahren so gewinnen können, schätzt Czap.