Wien.

Als einzige Frau (links unten) unter den christlich-sozialen Mandataren des Jahres 1919.Fotos:Caritas Socialis
Als einzige Frau (links unten) unter den christlich-sozialen Mandataren des Jahres 1919.Fotos:Caritas Socialis
Am 29. Jänner erlebt der Wiener Stephansdom erstmals eine Seligsprechung. Im Auftrag von Papst Benedikt XVI. wird Kardinal Angelo Amato, der Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen im Vatikan, die österreichische Politikerin und Gründerin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis Hildegard Burjan (1883-1933) selig sprechen.

Ignaz Seipel, in den 1920er Jahren österreichischer Bundeskanzler und Chef der Christlich-Sozialen, meinte einmal über diese engagierte Sozialreformerin, dass er "keinen Mann mit ausgeprägterer politischer Bildung, mit feinerem Fingerspitzengefühl als diese Frau gesehen" habe. Und der damalige Wiener Erzbischof, Kardinal Friedrich Gustav Piffl, nannte sie "das Gewissen des Parlaments". Für dessen heutigen Nachfolger, Kardinal Christoph Schönborn, ist die Seligsprechung der Beweis, "dass auch Politiker heilig werden können". Hildegard Burjan sei überhaupt die erste demokratisch gewählte Politikerin, die selig gesprochen wird.

Hildegard Burjan, Gemälde von J. v. Dreger (1932).
Hildegard Burjan, Gemälde von J. v. Dreger (1932).

Seligsprechungen bedeuten in der römisch-katholischen Kirche, dass jemand bei Gott ist und regional verehrt werden darf. Seit dem Jahr 2007 finden sie in der Diözese statt, in welcher der neue Selige gewirkt hat und in der das Andenken an ihn lebendig ist. Zuvor nahm sie in der Regel der Papst selbst in Rom vor - oder auf Reisen, wie am 21. Juni 1998, als Papst Johannes Paul II. während seines Österreich-Besuches auf dem Wiener Heldenplatz die Ordensleute Restituta Kafka, Jakob Kern und Anton Maria Schwartz selig sprach. Erst eine Heiligsprechung, für die ein weiteres Wunder nachzuweisen ist, bedeutet, dass jemand weltweit zur Ehre der Altäre erhoben ist.

Bereits 1963 hatte der damalige Wiener Erzbischof, Kardinal Franz König, den Seligsprechungsprozess eröffnet, nun hat das langwierige Verfahren, in dem das Leben einer Person genauestens unter die Lupe genommen wird und ein Wunder - meist eine unerklärliche Heilung - erfolgt sein muss, sein Ende gefunden. Im Fall von Hildegard Burjan betraf das Wunder eine Frau, die nach mehreren Operationen nicht mehr in der Lage schien, ein Kind zur Welt zu bringen. Dass sie nach Anrufung von Hildegard Burjan dann doch drei gesunden Kindern das Leben schenkte, konnten ihre Ärzte medizinisch nicht erklären.

Wundersame Bekehrung


Hildegard Burjan wurde die Karriere zur katholischen Seligen nicht in die Wiege gelebt. Sie kam am 30. Jänner 1883 als Hildegard Lea Freund in Görlitz in Preußisch-Schlesien in einer areligiösen jüdischen Familie zur Welt, maturierte 1903 in Basel und studierte dann in Berlin und Zürich Germanistik und Philosophie. 1907 heiratete sie den Techniker Alexander Burjan, der später in Wien Karriere machte und ein großes Haus führte. Im Herbst 1908 erkrankte sie schwer, ihr Zustand wurde von Monat zu Monat lebensbedrohlicher. Nach der unerwarteten plötzlichen Heilung zu Ostern 1909 wurde die religiös Suchende, stark beeindruckt von den sie pflegenden geistlichen Schwestern im Berliner St. Hedwigs-Spital, Katholikin.