Wien. Seit einigen Jahren ist er auch ein Fixpunkt im Terminkalender der Politik-Redaktionen: Der so genannte "politische Aschermittwoch", an dem man sich besonders deftige Wortspenden erwarten darf. Heute bereist FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wieder einmal Ried im Innkreis, um den örtlichen Heringsschmaus mit vorhersehbaren Redebeiträgen zu garnieren. Konkurrenzveranstaltungen gibt es in Wien, wo die Behindertensprecher von ÖVP und Grünen, Franz-Joseph Huainigg bzw. Helene Jarmer zum "Politischer Aschermittwoch aus anderer Sicht" laden, sowie in Klagenfurt, wo Wirtschaftsbund-Obmann Christoph Leitl seine Version des Aschermittwochs serviert.

"Aschermittwoch" ist politisch gesehen zwar kein Fasttag, trotzdem bemühen sich die Proponenten der Parteien teilweise darum, mit üppigen, bemüht humorigen Bierzelt-Reden das Parteivolk zum Schenkelklopfen zu bringen. Die Tradition stammt aus Bayern, wo schon im 19. Jahrhundert Bauern in Vilshofen am Aschermittwoch zu Debatten über die örtliche Politik zusammenkamen.

Der eigentliche Startschuss zum "politischen Aschermittwoch" wurde dann 1919 vom Bayerischen Bauernbund gegeben, bundesweite Aufmerksamkeit erlangte er freilich erst, als ihn der legendäre bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß mit seiner CSU 1953 unter die Fittiche nahm. In Vilshofen blieb die CSU bis in die 70er-Jahre, aus Platzgründen tritt man mittlerweile in der Passauer Nibelungen-Halle auf. Längst sind auch die anderen deutschen Parteien mit Aschermittwochsveranstaltungen unterwegs, Vilshofen ist mittlerweile zu Beginn der Fastenzeit in SPD-Hand.

Bis der "politische Aschermittwoch" seinen Weg nach Österreich fand, dauerte es eine Weile. 1992 exportierte die FPÖ den bayerischen Brauch nach Ried im Innkreis, genauer in die Jahnturnhalle, wo bis heute das blaue Nachfaschingsfest stattfindet. Berühmtheit erhielt die Veranstaltung vor allem durch drei Ausrutscher Haiders, einer davon führte sogar zu internationalen Verstimmungen, nämlich als der FPÖ den damaligen französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac 2000 als "Westentaschen-Napoleon" abkanzelte.

Über den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Ariel Muzicant meinte Haider 2001: "Ich verstehe überhaupt nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann." Ein Jahr später legte er nicht minder derb in Richtung des damaligen VfGH-Präsidenten Ludwig Adamovich nach: "Wenn man schon Adamovich heißt, muss man zuerst einmal fragen, ob er eine aufrechte Aufenthaltsberechtigung hat."

Mit den Streitigkeiten innerhalb der FPÖ nahm Haider auch Abschied von Ried. 2003 bis 2005 polterte er weniger beachtet in der Kärntner Gemeinde Treibach-Althofen, während im Innviertel unter anderem der aus dem Villacher Fasching bekannte "EU-Bauer" Manfred Tisal und Haider-Schwester Ursula Haubner die Lücke zu füllen versuchten. Seit 2007 ist wieder alles fast beim Alten. Ein FPÖ-Chef bemüht sich, die Jahnturnhalle zum Johlen zu bringen. Nur heißt er jetzt nicht mehr Jörg Haider, sondern Heinz-Christian Strache.

Die anderen Parteien haben sich dem "Aschermittwoch"-Brauch nur zögernd genähert. Die Grünen schickten zwei Mal Peter Pilz ins Rennen, 2009 in Salzburg und 2010 in Klagenfurt. Seit 2011 tut sich Behindertensprecherin Jarmer mit ihrem VP-Kollegen Huainigg zusammen, um selbstironisch die Probleme der Behinderten in Österreich darzustellen. Ebenfalls seit einiger Zeit als launiger Fastenredner tätig ist Wirtschaftskammerpräsident Leitl. Voriges Jahr in Graz beehrt er heute Schloss Maria Loretto in Klagenfurt.