Wien. "Da hab ich den ganzen Tag dekretiert. Und es hätte mich fast wie so manchen verführt: Ich spürte das kleine dumme Vergnügen, was abzumachen, was fertigzukriegen." Als der deutsche Literat Theodor Storm 1855 diese Zeilen schrieb, ahnte er nicht, dass sich seine geistigen Ergüsse eines Tages auf den Fragebögen 18-jähriger Reifeprüflinge wiederfinden könnten. Und das flächendeckend in ganz Österreich.

Die Möglichkeit, dass Gedichte wie Storms "Am Aktentisch" theoretisch allen Deutsch-Maturanten zwischen Wien und Bregenz einheitlich zur Bearbeitung vorgelegt werden könnten, sieht ein bereits 2009 gefasster Beschluss der Regierung vor. Um nun die Zentralmatura "fertigzukriegen", will Bildungsministerin Claudia Schmied ab Mitte März die Deutsch-Aufgabestellungen der (ab 2013/14 an den AHS und ab 2014/15 an den BHS) geplanten standardisierten, kompetenzorientierten Reifeprüfung in einer eigenen Feldtestung mit rund 1700 Schülern auf deren Verständlichkeit prüfen lassen.

Getestet wird demnach an insgesamt 64 allgemein- und berufsbildenden Höheren Schulen, wobei die Standorte nach einem geographischen Raster ausgewählt wurden: Sie liegen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land, im Süden, Westen und Osten Österreichs. In Wien hat das Bundesinstitut für Bildungsforschung zusätzlich Schulen mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund ausgesucht. Demnach soll auch getestet werden, ob die Beispiele auch für Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache gut verständlich sind.

Eltern drohen mit Klage

Was die Fragen betrifft, sollen die Schüler bei der Zentralmatura in Deutsch aus drei Themenpaketen mit jeweils zwei inhaltlich zusammenhängenden Aufgaben wählen. Als Beispiele werden etwa Themen wie "Glück", "Geschlechterrollen" oder "Überwachungsstaat" genannt. Dabei kann es sich um Analysen, Kommentare oder eine Textinterpretation handeln. Zu jeder Aufgabenstellung wird es zusätzlich eine Textbeilage geben. Dabei muss mindestens ein Themenpaket einen literarischen Text beinhalten. Das kann ein Romanauszug, eine Kurzgeschichte oder eben ein Gedicht sein.

Zu jenen, die in den Testplänen - frei nach Storm - ein "dummes Vergnügen" sehen, gehören die Eltern- und Lehrervertreter. Sie lehnen die Verordnung der Ministerin "aufgrund mangelnder Organisation und mangelnder Vorbereitung" strikt ab und fordern eine Verschiebung der Einführung der geplanten Zentralmatura. Notfalls erwägt man beim Bundesverband der BHS-Elternvereine sogar eine Klage. Derzeit seien weder Lehrplan noch Unterricht flächendeckend auf die neue Matura umgestellt. Auch hieß es, dass nur wenige Lehrbücher aktuell genug seien, um den neuen Anforderungen zu entsprechen. Zusätzlich würden weiters unterschiedliche Schwerpunkte bei den Schulformen nicht berücksichtigt und in der Folge Unklarheiten in der Frage der individuellen Leistungsbeurteilung bestehen.

Ministerin hält an Plan fest

In dieselbe Kerbe schlägt die Lehrergewerkschaft. Während die AHS-Vertreter schulübergreifende Probleme bei der Fremdsprachenmatura orten, kritisieren ihre Kollegen von den BHS, dass Diplomarbeiten in ihren Schulen nur in der Gruppe verfasst werden dürfen. Ebenfalls auf der Wunschliste der BHS-Lehrer finden sich die Forderung nach einer Vereinheitlichung der Ferienzeiten sowie eine neue Prüfungstaxenregelung.

Ungeachtet der Kritik an ihrer Reform will Schmied am Fahrplan festhalten. Die genannten Argumente seien zwar nicht "stichhaltig", sagte sie, kündigte aber an, das Gespräch mit Eltern und Lehrern suchen zu wollen.