Am Donnerstag wird der 101. Internationale Frauentag begangen. Aus
diesem Anlass hat eine ehemalige Richterin ihre Erlebnisse beim Versuch,
in Österreich mit Kindern Karriere zu machen, der "Wiener Zeitung"
aufgeschrieben. Mit Renate K. sprach Barbara Sorge.

Wiener Zeitung: Sie bezeichnen sich als "österreichische Karrierefrau" – warum?

Renate K.: Theoretisch hat eine Frau in Österreich vielleicht alle Möglichkeiten, Karriere zu machen, praktisch aber nicht. Das zeigt auch meine Geschichte. Mein Traumberuf war immer Jugendrichterin. Dass die Justiz in den 1970er-Jahren eine Männerdomäne war, war mir egal, Frauen hatten nach außen hin damals schon alle Rechte. 1974 habe ich als einzige Frau in Mindestzeit mein Jus-Studium abgeschlossen, was nicht einmal einem Zehntel der seinerzeitigen Studienanfänger gelungen ist. Nach der einjährigen Gerichtspraxis war die Übernahme als Richteramtsanwärterin auch kein Problem. Die alten Männer in der Justiz mochten mich, meine burschikose Art erleichterte jenen den Umgang mit mir, denen Frauen in der Justiz ein ungewohnter Gräuel waren. Ich stellte mich in der Ausbildung geschickt an, meine Urteile konnten sich sehen lassen. Dass ich wieder die einzige Frau meines Jahrgangs war, die übernommen wurde, gab mir erstmals  zu denken. 1977 wurde ich zur damals jüngsten Richterin ernannt. Neben meinem Stolz machte sich Vorsicht breit: Ich hatte bereits bemerkt,  wie wenig wohlwollend die Justiz mit schwangeren Frauen umging. Und dass ich nie eine Frau sein wollte, die wegen des Berufs auf Kinder verzichtet, war für meine Karriere dann tatsächlich der Anfang vom Ende.

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Warum war Ihr Kinderwunsch ein Problem?
In doppelter Weise, einmal weil ich aufgrund einer Schwangerschaft einen Posten nicht bekam, einmal, weil ich keine Betreuung für meine Kinder hatte: 1978 war ich gegen meinen Willen als Amtsleiterin an ein entlegenes ländliches Bezirksgericht versetzt worden. Im Frühjahr 1980 wurde das Bezirksgericht überstürzt zur Bewerbung ausgeschrieben, das war nicht vorhersehbar. Ich war zu dem Zeitpunkt verheiratet und zum zweiten Kind schwanger. Die Schwangerschaft hatte ich dem Dienstgeber bereits gemeldet. Obwohl mich das Oberlandesgericht an die erste Stelle reihte und der kleine Ort inzwischen unveränderbar mein Lebensmittelpunkt geworden war, unterlag ich einem plötzlich und ganz unerwartet aufgetauchten männlichen Mitbewerber. Dieser war – das liegt in der Natur der Sache – nicht schwanger und daher von der internen Weisung des Justizministers nicht betroffen: Schwangere sind nicht zu ernennen.

Was folgte, war ein tiefer Sturz in mehreren Etappen: Zwangsernennung zum 55 km entfernten Kreisgericht, 1982 Verweigerung eines zweiten Karenzjahres. Das alles in ländlichster Umgebung ohne Einrichtungen zur Kleinkinderbetreuung. Die Folge: Austritt aus dem Richterstand. Freiwillig, versteht sich. Die Justiz war zwar jederzeit willens und in der Lage, Karriere-Männer zu karenzieren, aber eine über das gesetzliche Maß hinausgehende Mutterschaftskarenz zu gewähren, dazu sah sie sich außerstande.
Im Nachhinein betrachtet wäre es vielleicht besser gewesen, mit dem ersten Kind bis zur Ernennung zu warten, aber dass das Gericht so schnell ausgeschrieben werden würde, war nicht abzusehen.

Doch die Rolle der Mutter war Ihnen nicht genug…
Nein. Als 1984 an der Handelsakademie in der 35 km entfernten Bezirkshauptstadt ein paar Stunden für einen Juristen ausgeschrieben waren, habe ich mich trotz meiner inzwischen 4 Kinder beworben. Ich erfüllte alle Anstellungserfordernisse, und ich wusste: Eine solche Chance bekomme ich kein zweites Mal. In den folgenden Jahren hatte ich nicht einmal Zeit, mich am Nachmittag zu einer Tasse Kaffee zu setzen. Zu Hause, auf dem Land, wollte ich es ihnen zeigen, dass eine berufstätige "Studierte" auch eine aufopfernde Mutter und eine perfekte Hausfrau sein kann. In der Schule erwachte wieder der alte Ehrgeiz: Vielleicht kriege ich ja doch noch die Chance, für die Jugend gestalterisch tätig zu werden, vielleicht kann ich in diesem neuen Bereich als Direktorin meine Visionen von einer besseren Schule realisieren.

In dem Maß, in dem meine Kinder pflegeleichter wurden, wuchsen mir in der Schule zahlreiche Aufgaben zu, allesamt unbezahlt und energieintensiv: Ich übernahm Verantwortung in der Personalvertretung, im Schulgemeinschaftsausschuss und für die Lehrerkonferenz. 1989 bekam ich zum ersten Mal eine volle Lehrverpflichtung. Die Vielleicht-doch-noch-Karriere rückte immer mehr ins Zentrum meiner Überlegungen. Dafür brauchte ich allerdings eine Pragmatisierung und als Voraussetzung dafür eben eine Vollbeschäftigung. Aber eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs veranlasste damals den Landesschulrat, nicht pragmatisierten Lehrern, die zum ersten Mal vollbeschäftigt waren, folgendes mitzuteilen: Entweder Sie akzeptieren ab sofort die Splittung Ihrer Stunden auf zwei Teilverträge, oder wir nehmen Ihnen so viele Stunden weg, dass Sie wirklich nur mehr teilbeschäftigt sind. Als ich es wagte, darauf hinzuweisen, dass die Opfer dieser neuen Regelung fast ausschließlich Frauen wären, wurde ich unwillig nach dem Grund meiner "Panik" gefragt, hätte ich nicht ohnehin einen pragmatisierten Ehemann daheim? Die Frau, die heiratet, um ihre Existenz zu sichern, das hat mir noch gefehlt in der Sammlung.

Trotz Widerstands von Seiten des Dienstgebers gewann ich den Kampf, wurde 1996 pragmatisiert. Fast zwanzig Jahre nach meiner Ernennung zur Richterin ein erster kleiner Erfolg. Ich freute mich darüber und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie meine Karriere wohl ausgesehen hätte, wäre ich ein Vater von vier Kindern und nicht deren Mutter. Meine (männlichen) Studienkollegen waren inzwischen Universitätsprofessoren, Gerichtshofpräsidenten, Mitglieder von Höchstgerichten, Bezirkshauptleute, renommierte Anwälte, Bankdirektoren.

Immerhin rückte der Leiter-Posten in greifbare Nähe. Dass ich dafür in meiner Berufsbiographie noch nicht allzu viele Punkte sammeln konnte, lag auf der Hand: Abgesehen von meinem Engagement in der Schule konnte ich mich bis dorthin auf nichts einlassen, was an den Abenden anstünde. Also keine Mitarbeit in der Kommune, in einem Turn- oder Trachtenverein, Gesangsverein, Bildungswerk oder bei der Feuerwehr, in einer politischen Partei sowieso nicht. Ich betreute an den Abenden meine Kinder und arbeitete für die Schule. Doch das brachte keine Punkte für die Bewerbung um den Leiterposten.

Unter diesen Voraussetzungen ist eine Bewerbung um den Leiterposten als Frau schwierig, aber nicht unmöglich…
Nein, doch dieses Mal bremste mich ein persönlicher Schicksalsschlag aus: Brustkrebs mit allen Konsequenzen, als Draufgabe eine Chemotherapie. Ich verlor ein wenig den Boden unter den Füßen. Zwar kehrte ich schon mit dem nächsten Schuljahr wieder in die Schule zurück, beim Leiterwechsel 2002 bewarb ich mich allerdings nicht. Es schien, als müsste ich meinen Wunsch, Schulleiterin zu werden, endgültig begraben, mittlerweile arbeitete auch mein Alter gegen mich.

Doch dann gab der Direktor im Februar 2007 überraschend bekannt, dass er im Sommer in Pension gehen würde. Mit dieser Chance hatte ich nicht mehr gerechnet, ich packte sie beim Schopf. Die Unterstützung durch die Kollegenschaft war überwältigend.

Doch im Bestellungsverfahren beim Landesschulrat erhielt ich für meine Qualifikation als Richterin keinen einzigen Punkt. Ein solches Problem kann nur bei einer Frau auftreten, denn seien wir ehrlich: Kein (männlicher) Richter dieser Republik tritt freiwillig aus dem Richterstand aus und bewirbt sich um die Leitung einer Schule. Ich konnte also zusätzlich zu dem durch meine Kinder verursachten Karrierebruch meine Qualifikation in den neuen, schon wesentlich bescheideneren Karriere-Anlauf nicht einmal mit jenen paar Punkten "hinüberretten", durch deren Anrechnung mir als Frau der Vorzug zu geben wäre.

Anfang Juli 2008 wurde der männliche Mitbewerber – er ist um einige Jahre jünger als ich - mit der provisorischen Leitung der Schule betraut, heute, am Weltfrauentag, ist die definitive Ernennung eines Direktors noch immer nicht erfolgt, aber auf Grund einer Verfassungslücke hätte eine Säumnisbeschwerde keine Aussicht auf Erfolg. Eigentlich müsste ich am Rechtsstaat Österreich verzweifeln.

Aus Ihren Erfahrungen heraus: was müsste sich ändern?
Ich kann nicht beurteilen, ob sich – in unseren Breiten jedenfalls – die Situation der Frau an sich gebessert hat und ob mittlerweile die Erkenntnis auch bis zu den Entscheidungsträgern durchgedrungen ist, dass Menschen grundsätzlich verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten haben, die sich nicht am Geschlecht festmachen lassen. Was ich aber ganz sicher weiß, ist, dass die Benachteiligung von Frauen noch heute fortbesteht dort, wo sie entweder schon Kinder haben oder die Gefahr besteht, dass sie welche bekommen. Es müsste also die Verteilung der Erwerbs- und der Familien- und Hausarbeit gleichmäßig auf beide Geschlechter erfolgen, damit das Risikopotential für einen Arbeitgeber wenigstens annähernd gleich verteilt wäre.

Ich glaube, dass sich bis heute nicht allzu viel zum Guten verändert hat, die Frau wird am Mann gemessen, Norm ist noch immer der Mann. Nicht mehr so offen und selbstverständlich wie früher vielleicht, aber faktisch durchaus.
Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus kann ich nur empfehlen, dass Frauen mehr auf sich und ihre eigenen Bedürfnisse schauen sollten.
Und natürlich gilt auch hier: Am weitesten kommt der, der zuerst an sich denkt und der vor jedem  Engagement genau überlegt, ob er ihm bei der Verfolgung seiner Karriere nützen oder schaden wird.