Wien. Nicht über seine Herkunft definiert sich der Mensch, sondern über die Sprache. Davon ist Professor Henry Higgins - Hauptprotagonist in George Bernard Shaws Theaterstück "Pygmalion" - felsenfest überzeugt. Der soziale Aufstieg stünde demnach jedem Menschen offen, da er ja seine Sprache - im Gegensatz zur Herkunft - ändern könne. Auf den Dialekt von Eliza Doolittle blickt Higgins gleichzeitig voll Verachtung. Er sei das Resultat fehlender Erziehung.

"Das Standard-Deutsch ist die Sprache der Mittelschicht", betont auch die deutsche Sprachwissenschafterin Heike Wiese. Ebenso hält auch Wiese dessen Erwerb für unerlässlich zum sozialen Aufstieg. Doch bei der Bewertung der Dialekte unterscheidet sich ihre Ansicht von jener Higgins: "Wenn Jugendliche eine Jugendsprache oder einen Dialekt sprechen, heißt das nicht, dass sie sprachlich inkompetent sind. Vielmehr sollte man das als Kompetenz wahrnehmen." Ansonsten bekämen Kinder in der Schule ein negatives sprachliches Selbstbild - wie es bereits geschieht. "Dabei könnte ihnen die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Umgangssprache dabei helfen, das Standard-Deutsch zu lernen."

Heike Wiese hat einen Lehrstuhl für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam inne. Dienstagabend sprach sie im Bruno-Kreisky-Forum. Seit einigen Jahren landen bei ihr Hass-E-Mails - meist mit xenophoben Ressentiments. Der Grund: Sie fordert auch eine positive Bewertung des Kiezdeutschen - jener Umgangssprachform, die speziell in Wohngegenden mit vielen Migranten gesprochen wird. Entstanden ist das Kiezdeutsch primär durch die Vermischung mit türkischen und arabischen Fremdwörtern.

"Kiezdeutsch hat sich bei Jugendlichen in mehrsprachigen Wohngebieten entwickelt, unabhängig davon, ob sie selbst mehrsprachig sind", betont Wiese gegenüber der "Wiener Zeitung". Kiezdeutsch sei "kein gebrochenes Deutsch". Teils ist es komplexer als das Standard-Deutsch, teils ist es weniger komplex. "Kiezdeutsch ist etwas Besonderes - auch im Vergleich zu anderen sozialen Dialekten und Jugendsprachen. Es ist flexibler und offener." Die Sprachwissenschaft hätte es erst Ende der 90er Jahre entdeckt.

Die Sprache verkörpert auch einen sozialen Status. Angesprochen auf die negativen Emotionen, die sie erfahren hat, meint Wiese: "Für viele ist es anscheinend eine starke Bedrohung ihres Selbstbildes, wenn ihre Sprache nicht mehr etwas Besseres ist."

Kiezdeutsch habe eine eigene Systematik. Charakteristisch sind Weglassungen "an ganz bestimmten Stellen", und zwar in Zusammenhang mit Ortsangaben, zum Beispiel: "Lassma Görlitz Park gehen" - in Wien würde es heißen: "Gemma Stadtpark." Ortsangaben ohne Präposition seien aber im Deutschen möglich, erklärt Wiese. "Auch wir sagen in Deutschland: Sie müssen Hauptbahnhof aussteigen." Unmöglich sei hingegen der Satz "Ich freue mich Weihnachten." Das grammatische "auf" muss erhalten bleiben.

Auch eine neue Satzstellung ist typisch. So sagt man etwa "Damals ich fahre. . ." statt "Damals fahre ich. . ." Die kiezdeutsche Wortreihenfolge habe Vorteile "was die Verpackung von Information betrifft." Wer symbolisch - durch Bilder - den Inhalt des Satzes darstellt, würde auch zuerst das Subjekt darstellen. "Es ist natürlich, zuerst zu wissen, wer das Subjekt ist. Das hat es im Deutschen bereits im 15. Jahrhundert gegeben und wurde erst später abgeschafft." Gemäß der späteren deutschen Grammatik muss das Verb immer an zweiter Stelle stehen. "Auch wir halten uns im gesprochenen Deutsch nicht immer daran, nur fällt es uns nicht auf."

Viele Kinder haben aber Probleme, Standard-Deutsch zu lernen, und verwenden kiezdeutsche Ausdrücke auch in Schularbeiten. "Daran ist nicht das Kiezdeutsch schuld", betont Wiese. "Die gleichen Schwierigkeiten haben auch Schüler, die im Berliner Dialekt sprechen." Kinder aus ärmeren Schichten fällt prinzipiell das Erlernen des Standard-Deutschen in der Schule schwerer. Was Wiese wichtig ist: "Jeder von uns spricht nicht nur eine Art von Deutsch. Wir alle haben verschiedene Register." Und das sei auch gut. Das Standarddeutsch bezeichnet die Wissenschafterin als "Mittelschichtdialekt". Die Auseinandersetzung mit Kiezdeutsch im Unterricht könne das Selbstbewusstsein der Jugendlichen stärken.

"Anerkennungspädagogik"

Dem pflichtet auch Inci Dirim bei, die Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Wien lehrt. Sie fordert eine "Anerkennungspädagogik". Gängige Vorstellungen über Standard-Deutsch und Integration griffen zu kurz: "Migrantenspezifische Sprachregeln sind auch ein Zeichen für Integration." Man sollte sie wie andere Dialekte anerkennen. Doch hier stößt Dirim - etwa bei der Lehrerfortbildung - mitunter auf starke Abwehr. Einige sehen in dieser Anerkennung "eine Infragestellung der eigenen übergeordneten Stellung", vermutet sie.