Wien. Süleyman Kurt erfuhr erst mit dreizehn Jahren von Schulen, die er besuchen kann. Seine Eltern hatten ihn vorher nicht zum Unterricht geschickt. Der Grund: Kurt ist spastisch gelähmt und hat daher keine Kontrolle über seine Muskelbewegungen. Er braucht einen Rollstuhl, da er seine Beine kaum bewegen kann. Wenn er aufgeregt ist, wird seine Sprache schwerer verständlich.

Als Zehnjähriger reiste er 1977 mit seiner Familie aus einem kleinen Dorf in der Türkei nach Vorarlberg. Von Schulen für Menschen mit Behinderung habe er damals nichts gewusst, erzählt Kurt. In der Türkei gebe es solche Schulen kaum. Sein Vater sei zwar über solche informiert gewesen, "aber er hat sich nicht darum gekümmert". Deutsch lernte Kurt mithilfe von Zeichentrickfilmen, nachdem ihm sein Vater einen Fernseher gekauft hat: "Ich habe jedes Wort nachgesprochen." Ein Nachbar, der Türkisch und Deutsch konnte, erklärte ihm die Wörter.


Link-Tipps

www.dialogmitmir.at

http://www.lebenshilfe-guv.at/

Projekt Uni Hamburg: Mehrfach diskriminierte Menschen



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Dem Zufall und seiner Durchsetzungskraft verdankte Kurt, dass er doch noch für drei Jahre in die Schule kommt. Eines Tages sah ihn eine Lehrerin aus dem Schulheim "Mäder" für Kinder mit Behinderung vor dem Haus sitzen. Sie fragte ihn, warum er nicht in der Schule ist. Zu der Zeit "konnte ich ein bisschen Deutsch", berichtet der heute 43-jährige. Er erfuhr von der Schule und überzeugte seine Eltern davon. Mittlerweile ist Kurt österreichischer Staatsbürger. 2007 erschien sein Buch "Dialog mit mir". Dass seine Eltern ihn nicht richtig gefördert haben, hält er dort etwa fest.

Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung sind nicht nur doppelt, sondern mehrfach belastet, berichtet Johanna Ilkow von der Lebenshilfe Graz, dem größten Anbieter von Dienstleistungen für Menschen mit
Behinderung in der Steiermark. Das hänge unter anderem mit dem sozialen Status zusammen. Aufgrund "mangelnder Vernetzung und Information" sei es für Betroffene anstrengender, "sich Wissen um  Unterstützungsmöglichkeiten zu beschaffen". Sie müssen sich im Aufnahmeland neu orientieren und sind durch den Neustart oft finanziell belastet, erklärt die Juristin.

Um bei Informationsdefiziten und Sprachbarrieren auszuhelfen, bietet die Lebenshilfe Graz in Kooperation mit dem Verein Omega die Möglichkeit, Dolmetscher in Anspruch zu nehmen. Wenn etwa bei Kleinkindern eine Entwicklungsverzögerung oder Beeinträchtigung vorliegt, arbeitet eine Frühförderin bei der Familie zu Hause mit dem Kind. Vorher findet ein "vertrauensbildendes Gespräch mit den Eltern statt, das in der Muttersprache geführt werden soll. Denn hier ist es ganz wichtig, dass alles gut verstanden wird", betont Johanna Ilkow. Das Angebot wurde im Rahmen des EU-Projekts "All Inclusive" erarbeitet. Das Informationsmaterial wurde dabei in unterschiedliche Sprachen übersetzt. Die Lebenshilfe Graz arbeitet unter anderem mit Menschen, die aus Tschetschenien, Bosnien, Kroatien, Serbien, der Türkei, Mazedonien, Kosovo, Rumänien oder Nigeria zugewandert sind.