Mit Montessori-Material wie den goldenen Perlen wird die Mathematik begreifbar gemacht. Foto: Grass
Mit Montessori-Material wie den goldenen Perlen wird die Mathematik begreifbar gemacht. Foto: Grass

Zwei Schüler widmen sich der Mathematik. Sie sitzen auf dem Fußboden, um sie herum tausende goldener Perlen - in Form von Würfeln, Platten, Reihen und Einzelkügelchen. Es gilt, die Zahl 1566 sichtbar zu machen. Die Schüler legen einen Kubus mit tausend Perlen bestückt, fünf Hunderter-Platten, sechs Zehner-Perlenreihen und sechs einzelne Kugeln vor sich hin. Auf diese Art und Weise können die Kinder Zahlenmengen oder Aufgaben visuell und durch Anfassen und Nachzählen begreifen. In der Reformpädagogik - hier mit Montessori-Material - werden etwa Zahlen und Rechenvorgänge auf ihre elementare Bedeutung reduziert und begreifbar gemacht.

Es gilt beim Lernen nicht das Prinzip des Frontalunterrichts, sondern jenes der Arbeit. "Entdecken und Forschen sind besser als nur Hören und Sehen, denn dann sind alle Lernkanäle angesprochen", erklärt der Reformpädagoge und Erziehungswissenschafter Harald Eichelberger. Er zitiert Maria Montessori, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Konzepte für Lernende und Lehrende entwickelte: "Die Hände machen uns intelligent."

Auch Ruth Laimer, Schulleiterin der reformpädagogischen Privatschule "Schulwerkstatt" in Ebreichsdorf, weiß aus der Praxis, dass mit Modellen, bei denen alle Sinne angesprochen werden, bessere Lernerfolge erzielt werden können. Die Schüler sind motivierter, selbständiger und mit Freude bei der Sache. Und genau darum geht es in der Reformpädagogik: um das vorwiegend selbständige und selbstbestimmte Arbeiten des Kindes im Gegensatz zur Drillschule. Das Anliegen besteht darin, dass Kinder in eine Schule gehen sollen, in der sie angstfrei lernen können.

Bei guter Laune lernen
Dass negative Emotionen das Gehirn am Lernen hindern, betont der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer. Denn Angst bewirkt, dass Menschen nicht kreativ sind, in der Lösungsfindung versagen und in ihrem eigenen Potenzial gehemmt sind. "Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule für das Leben lernen, dann muss eines stimmen: die emotionale Atmosphäre beim Lernen. Nur wer bei guter Laune lernt, wird das Gelernte später zum Problemlösen verwenden können", erklärt Spitzer.

In der Reformpädagogik wird nach fixen Kriterien ein Schulkonzept geformt, das den gesellschaftlichen Anforderungen seiner Zeit entspricht. Sie setzt sich aus vier großen Modellen zusammen: Montessori, Dalton-Plan, Jena-Plan und Freinet (siehe Wissen). Wie die Pisa-Studien zeigen, kommen sie vor allem in Skandinavien, den Niederlanden, Deutschland, den USA oder Japan sehr erfolgreich zum Einsatz, erklärt Eichelberger. In Europa sind zehn Prozent aller Schulen reformpädagogisch gestaltet. In Österreich sind es hauptsächlich Privatschulen, die sich dieser Modelle bedienen. Doch auch im öffentlichen Bereich finden sich immer wieder ambitionierte Pädagogen und Direktoren, die reformpädagogische Konzepte in die Regelschule einfließen lassen.