Andere EU-Länder gehen längst von einem Schrumpfungsszenario der eigenen Bevölkerung aus, Österreich rechnet mit einem gleichbleibenden Niveau. Wie das?

Eine gewagte Annahme, diese Zahlen werden wir uns genau ansehen müssen, um dann eine Kurskorrektur einzuläuten.

2009 und 2010 kamen deutlich weniger gut ausgebildete Zuwanderer als erforderlich nach Österreich. Wo bleibt die Kurskorrektur?

Verdrängung hat bei uns Tradition. Ein Beispiel: 2008 wurde ein Nachhaltigkeitsbericht zum Pensionspfad erstellt, der die Entwicklung der Pensionen wiedergibt. Nach zwei Jahren hat man erkannt, dass die Annahmen zu optimistisch waren. Was ist passiert? Man hat den Bericht für die nächsten Jahre ausgesetzt, das Thema war weg. Wurde im jetzt präsentierten Sparpaket das Frühpensionsalter angehoben? Nein.

In Österreich darf man also weder über Zuwanderung noch über die Anwerbung qualifizierter Zuwanderer sprechen?

Es ist ein Angstthema. Die Stimmung zur Zuwanderung wurde durch jahrelang geschürte Ängste beeinträchtigt. Dumpfe Ressentiments überwiegen. Eine positive, sachbezogene Auseinandersetzung fehlt. Die Fakten liegen auf der Hand: Arbeit erzeugt Arbeit, Zuwanderung schafft Wachstum und damit Wohlstand.

Der Beitrag von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz?

Er macht seine Sache sehr gut, er geht das Thema mit sehr viel Engagement und Offenheit an.

Das Thema Migration spart er aus.

Er ist auch für Integration zuständig. Ich würde ein Migrationsstaatssekretariat begrüßen. Wir brauchen eine Stelle, die das Thema voran treibt.

Deutschland hat den Bedarf an qualifizierter Zuwanderung erkannt. Über die Goethe-Institute werden in Südeuropa junge Menschen mit Deutschkursen und erleichterten Aufnahmekriterien geworben.

Ja und es wäre schön, wenn einige diese jungen Menschen auch nach Österreich kommen würden.

Ihre deutschen Kollegen würden sich sicher sehr freuen . . .

Natürlich müssen wir auch selbst aktiv werden, etwa über Botschaften oder Außenhandelsstellen der Wirtschaftskammer.

Was ist dazu konkret geplant?

Wir führen eine intensive Debatte darüber, wie wir uns aktiv einbringen können. Jetzt darüber zu sprechen, wäre verfrüht, konkrete Ergebnisse kommen 2013.