Wien. Die Stimmung im Freundeskreis gleicht der Sommermärchen-Atmosphäre in Deutschland bei der Fußball-WM. Genau darum geht es auch Katarina: Die in Wien geborene Serbin ist weder Fußball- noch Formel-1-Fan. Der wichtigste europäische Wettstreit im Jahr ist für sie der Eurovision Song Contest. Er bedeutet Vorfreude, Spannung, Vorbereitung und Jubel. Die Euphorie erwischt Katarina jedes Mal aufs Neue. Sie hält ihrem Herkunftsland heuer wieder fest die Daumen: Wie schon in den vergangenen zehn Jahren wird sie das TV-Erlebnis bei sich zu Hause gemeinsam mit Freunden - alle sind um die 30 Jahre alt - erleben. Der Weißwein wurde bereits gekauft und eingekühlt. Für den Abend werden - ganz traditionell - Meze (Vorspeisen bestehend unter anderem aus getrocknetem Fleisch, Käse und Oliven) vorbereitet.

In ewiger Erinnerung bleiben wohl die Jahre 2004 und 2008. "2004 war magisch", schwärmt Katarina. In dem Jahr belegte der berühmte serbische Sänger Zeljko Joksimovic den zweiten Platz. Sein Lied "Lane moje" (zu Deutsch: "mein Lamm" - eine serbisches Kosewort für die Geliebte) war an diesem und vielen weiteren Abenden auf den Straßen Ottakrings und weiteren von Ex-Jugoslawen bewohnten Gegenden zu hören. Allein das Ertönen der ersten Noten auf der Flöte versetzte Katarina und ihre Freundinnen in Verzückung und hinterließ Gänsehaut. Der Text spricht von unerfüllter Liebe und Sehnsucht. Das sind "elementare Grundsteine der slawischen Seele, die von Melancholie und Leidenschaft lebt", erklärt Katarina.

Katarinas Freundin Mila erinnert sich lächelnd an den Abend und an ihr lautes Geschrei zu Beginn von Joksimovics Auftritt. Zwar gewann damals die Ukraine, aber das sei auch verdient gewesen, meinen Katarina und ihre serbischen Freundinnen. Die ukrainische Sängerin Ruslana errang knapp vor Joksimovic mit dem rhythmisch-folkloristischen Titel "Wild Dance" den ersten Platz. Dennoch: Den Sieg Serbiens hätten sie sich schon gewünscht. Die Enttäuschung sitzt noch tief.

Im Jahr 2008 war es aber soweit: Die in die Fußstapfen ihrer berühmten Mutter (Verica Serifovic) getretene serbische Sängerin Marija Serifovic konnte das europäische Publikum mit "Molitva" ("Gebet") überzeugen. Auch dieses Lied ist "typisch serbisch", wie es Ana, eine weitere Freundin, ausdrückt. Tiefer Herzschmerz, den die Freundinnen nachempfinden können: Das wichtigste für einen Jugoslawen sei Gesundheit und Liebe, egal welcher Ethnie der ehemaligen Republik er angehört. Hier poche dasselbe Herz und schmerze dieselbe Seele. Ein natürliches Phänomen ist das für den Schriftsteller und Balkanexperten Richard Schuberth: "Balkanländer empfinden eine stärkere Identifikation mit den eigenen Leuten". Deshalb feuern sie auch die anderen ex-jugoslawischen Länder an. Mit Makedonien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Slowenien und Montenegro ist das Volk mit "derselben Seele" gleich sechsmal vertreten. "Sehr praktisch", findet Schuberth, der gleich einen Witz dazu erzählt: Die sechs Balkanländer haben sich nur deshalb getrennt, um beim Eurovision Song Contest mehr Punkte zu erzielen.

Tatsächlich wiederholt sich das zuverlässige Pflichtgefühl, den Nachbarländern die meiste Punktezahl zu vergeben, bei jedem Contest aufs Neue. Auch Kontroversen rund um diese Praxis in der Öffentlichkeit vor gut zehn Jahren hat an der oft als unfair bezeichneten strikten Solidarität einiger Länder untereinander nichts geändert: Allen Vorwürfen zum Trotz zieht sich die Bevorzugung innerhalb ex-jugoslawischer Länder jedes Jahr wie ein roter Faden durch den Song Contest. Eine Lösung gibt es nicht. Die Punktevergabe stützt sich laut Schuberth auf alte historische und politische Loyalitäten.

Nicht so "peinlich" wie Österreichs Auftritt

Es sei doch vollkommen nachvollziehbar, dass ein höheres Augenmerk auf Lieder gelegt wird, die man auch versteht, meint Ana. Englisch sei keine Option: Nur wenn jeder Teilnehmer in seiner Landessprache antritt, werde auch die Vielschichtigkeit Europas gezeigt, meinen die serbisch-stämmigen Freundinnen. Heuer sind sie auf die für Kroatien antretende Pop-Sängerin Nina Badric gespannt. Schließlich waren sie bereits auf einem ihrer Konzerte in Bosniens Hauptstadt Sarajevo. Das Repertoire der Sängerin sei freilich viel umfangreicher und besser, als ihr beim Wettbewerb präsentiertes Lied "Nebo" ("Himmel"). Doch ihr Auftritt sei bei Weitem nicht so "peinlich" wie jener Österreichs.

Beim ersten Semifinale am Dienstag haben die im Ausland lebenden Verwandten der Freundinnen über Österreichs "Trackshittaz" gewitzelt. Auch Schuberth kommt nicht umhin, deren Auftritt mit einer Après-Ski-Party der Krocha-Kultur zu vergleichen. Den Song Contest kann Schuberth aber ohnehin nur ironisch betrachten - nicht nur wegen des österreichischen Auftritts. Die Verbindung von Pop und Schlager sei schlimmer als das Pop-Genre an sich. Allerdings habe der gemeinsame Konsum im Freundeskreis einen hohen Spaßfaktor.