Wenigstens Jörg Haider erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen: Beim Saaleingang im WUK begrüßt er alle Gäste mit einem Händedruck, später wird er auf die Verfehlungen der rot-grünen Kulturpolitik schimpfen. Der verunglückte Kärntner Landeshauptmann, gleich in doppelter Ausführung von den Toten auferstanden, ist Teil der "New Bohemian Gastarbeiter Opera", eines Auftragswerks der Off-Theater-Schiene "forum festwochen ff". Die Produktion verhält sich dabei insgesamt deutlich weniger berechenbar als das einstige "einfache Parteimitglied": Mit einer Oper hat dieses "work in progress" gleich einmal gar nichts zu tun. Die Bezugnahme auf ein hochkulturelles Genre fügt sich vielmehr in eine Strategie der Provokation, die Erwartungshaltungen des Publikums nicht subtil unterläuft, sondern vielmehr gänzlich darauf pfeift.

Die Weiterführung von Želimir Žilniks "Gastarbeiter Opera" aus den 70er Jahren ist ein Bastard aus Installation, Happening, Talkshow, Chorkonzert und Agitation. Wer hier die üblichen Maßstäbe des (Musik-)Theaters anlegt, wird in so ziemlich jedem Punkt enttäuscht: Weder gibt es hier Schauspiel, noch Regie oder einen erkennbaren dramaturgischen Aufbau. Wohl aber ein Konzept, auch wenn es der Konzeptlosigkeit zum Verwechseln ähnlich sieht.

Gebackene Sardellen, Bier und reichlich Protestlieder

Zur Rechtfertigung beruft man sich schon mal auf Walter Benjamin. Der meinte nämlich, während das Bürgertum die Arbeit hochhalte und Zerstreuungen ablehne, verstünden es Aristokratie und Proletariat, sich ungehemmt zu vergnügen. Diese Diagnose kann als programmatisch für einen Abend gelten, der sich noch am treffendsten als Nummernrevue beschreiben ließe. Gesangseinlagen wechseln sich ab mit Podiumsgesprächen, in denen etwa die 60-jährige Gastarbeiterin Gordana aus ihrem Leben erzählt oder Philosoph Branimir Stojanović über das Fehlen einer Revolution in Europa referiert. Garniert wird das Ganze mit einer üppigen Portion linken Liedguts, dargeboten vom auf Protestsongs spezialisierten Ensemble HOR 29. Novembar. An einem Stand werden derweil gebackene Sardellen und Bier feilgeboten, während man den beiden Haiders im Hintergrund beim Boccia-Spielen zusehen kann. Star des Abends ist eindeutig die Kellnerin Lili, die mit rauchiger Stimme und unzweifelhafter Authentizität Balladen aus dem alten Jugoslawien zum Besten gibt.

Alexander Nikolić, der - mit Sonnenbrille und abgefuckter Lederjacke angetan - die ganze Zeit über rastlos am Podiumsrand auf- und abtigert, hat mit Interventionen abseits des herkömmlichen Theaterbetriebs auf sich aufmerksam gemacht. Darin lässt er Menschen zu Wort kommen, die von der Teilhabe an der Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen sind.

Seit einigen Jahren nützt Nikolić mit seiner Künstlergruppe Boem die gleichnamige Kneipe im 16. Bezirk als Basis für Aktionen, die nun in der "Gastarbeiteroper" kulminieren. Auch wenn diese dem Klamauk näher steht als der Kunst, verbirgt sich hinter der demonstrativen Respektlosigkeit das durchaus ernstzunehmende Anliegen, marginalisierte Positionen im Kulturbereich sichtbar zu machen. Dass Nikolić der feinen Klinge den Holzhammer vorzieht, trägt wohl der Einsicht Rechnung, dass Aggressivität nicht die schlechteste Taktik ist, um sich Gehör zu verschaffen. Was denn auch in gebührender Lautstärke geschieht.