Wien. Den Preis für den besten Spielfilm, den bekam beim neuen "Let’s CEE"-Filmfestival in Wien der türkische Streifen "Zenne" von Caner Alper und Mehmet Binay. In mehrfacher Hinsicht ist die Produktion ein Debüt: Es ist der erste Spielfilm der beiden Regisseure, die vorher nur Dokumentarfilme gedreht haben, ebenso ist es für den Hauptdarsteller, den in Deutschland geborenen türkischstämmigen Schauspieler Kerem Can, seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Can nahm auch am Sonntag den Preis entgegen - nicht den ersten freilich: "Wir haben einen Preis beim Filmfestival in Antalya gewonnen", erzählt er der "Wiener Zeitung". "Der Film lief in der Türkei insgesamt sehr erfolgreich, womit ich gar nicht gerechnet habe."

"Zenne" (zu Deutsch: "Tänzer") ist freilich keine leichte Kost. Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit: 2008 wurde Ahmet Yildiz in der Türkei vom eigenen Vater wegen seiner Homosexualität ermordet. Die beiden Regisseure waren gerade dabei, einen Dokumentarfilm über ihn zu drehen, als der Mord verübt wurde. Nach einem halben Jahr Schockstarre beschlossen sie, Ahmets Geschichte zu erzählen. "Natürlich gibt es im Film Abweichungen zu den echten Geschehnissen", berichtet Kerem Can. "Wir mussten aus persönlichen Gründen einiges, was Ahmets Familie betrifft, ändern."

Sieben Monate Tanztraining musste Hauptdarsteller Kerem Can durchstehen. - © Stanislav Jenis
Sieben Monate Tanztraining musste Hauptdarsteller Kerem Can durchstehen. - © Stanislav Jenis

Trotz oder gerade wegen der brisanten Thematik wurde "Zenne" nicht als bedrückender, deprimierender Film gedreht. Es geht um die Schwierigkeiten, die der Umgang mit Homosexualität in der Türkei den Betroffenen und ihren Familien bereitet. Zwei grundverschiedene Haltungen werden vorgestellt: Der von Kerem Can gespielte Bauchtänzer wird von seiner Familie unterstützt, sein Freund Ahmet hingegen von der eigenen Familie beschattet. Eine dritte Perspektive erschließt sich durch den deutschen Fotografen Daniel, der eine Liebesbeziehung mit Ahmet eingeht. Daniel repräsentiert die westliche Sichtweise, die starren religiös-traditionellen Werten in der Türkei verständnislos gegenübersteht. Die Figur wurde für den Film konstruiert, um eine weitere Sichtweise einzubringen, erzählt Can. Einiges an ihr sei autobiografisch und stamme aus dem Leben der Regisseure.

Ein weiteres Thema des Films war selbst für den Hauptdarsteller neu: der harte 15-monatige Militärdienst junger Männer in der Türkei, ihre psychische Zerstörung und der Umgang mit Homosexuellen dort. Bei all der Kritik des Films - auch an der Regierung - wundert es wenig, dass vom türkischen Staat keine finanzielle Unterstützung kam. "Einzig die holländische Botschaft als Institution hat uns unterstützt", sagt Can. Die Reaktionen im Publikum fielen dafür sehr positiv aus: "Wir wollten im Grunde genommen einen Familienfilm machen, in den auch Mütter reingehen können, und verzichteten auf extreme Szenen. Wir waren sehr froh zu sehen, dass genau das eingetreten ist: Wir haben viel Post mit Danksagungen - gerade von Müttern - bekommen, die uns geschrieben haben, dass der Film ihnen geholfen habe, ihre Söhne und Töchter zu verstehen", berichtet Can.