Manche Probleme kennt Can aus dem Freundeskreis. Dass sich viele Homosexuelle nicht zum Outing vor ihren Eltern entschließen, sei nicht nur in der Türkei, sondern auch in Deutschland der Fall. Um zu wissen "was es für ein Gefühl ist, wenn man vom Militär verfolgt wird", bewegte sich Can geschminkt durch Istanbuls Straßen, wobei die Reaktionen nicht besonders stark waren. "Klar gab es Blicke, aber das wäre hier nicht anders." Dennoch verlangte die Rolle des freigeistigen Bauchtänzers Kerem Can viel Vorbereitung ab. Sie erschloss sich ihm vor allem über den Tanz, der für seine Filmfigur Ausdrucksmittel und Teil der Identität ist. "Sieben Monate vor dem Dreh hat mein Tanztraining angefangen. Ich nahm Unterricht bei der Pina Bausch Company, hatte einen Ballett-Trainer in Berlin, einen Bauchtanztrainer und eine Choreografin. Ich tanzte bis zum Umfallen. Die Tanzszenen drehten wir am Anfang und ich war wirklich fertig, aber es war eine schöne Erfahrung." Die expressiven Tanzszenen lockern den Film auf und entziehen ihm die Schwere und Vorahnung der Tragik, die den Film von Anfang an umgibt.

Leben in vielen Kulturen

Aufgewachsen ist Can zwar in Deutschland, studiert hat er aber in Frankreich und England, hinzu kamen Aufenthalte in Granada bei der Familie seines Stiefvaters und die nach wie vor enge Beziehung zur Türkei. "In meiner Familie sieht man, wie verschiedene Kulturen zusammenleben können." Zu Österreich hat Can eine Verbindung über die Tochter seiner Cousine, die in Wien lebt. "Es fällt natürlich auf, dass Österreich eine viel stärkere Bindung zum Balkan und zu Südeuropa hat. Das spürt man. Für mich ist es noch ein bisschen besonders, beim ,Let’s CEE‘-Festival dabei zu sein, da meine Vorfahren aus Skopje in Mazedonien kommen; da ist man in Wien einfach näher dran als in Berlin und in Deutschland generell."

Um Freiheit, Familienrückhalt, Freundschaft geht es auch in "Zenne". Dass sich der Streifen gegen die starke Konkurrenz - etwa "Everybody in Our Family" von Radu Judes oder Slava Ross’ Drama "Sibir Monamour" - durchsetzen konnte, begründete die Jury damit, dass "die Tragödie für all jene zu einer persönlichen Ermahnung werden sollte, die versuchen, Menschenrechte politischen und religiösen Normen unterzuordnen". "Argentinian Lesson" von Wojciech Staron, ebenfalls eine Geschichte voll Wärme über eine Familie, gewann den Preis in der Sparte Dokumentarfilm für "seine äußerst einfühlsame Betrachtung der Welt, jenseits der üblichen filmischen Schemata". Beide Filme erhielten neben ein Preisgeld von 1500 Euro. Die heimische Hollywood-Legende Turhan Bey wurde für sein Lebenswerk geehrt. Der 1922 in Wien geborene Sohn eines türkischen Diplomaten und einer tschechischen Jüdin war ein populärer Hauptdarsteller im Hollywood der 1940er Jahre.