Wien. Zwei große Transparente "Willkommen in Wien" schmückten den Eingang zur Volkshalle des Wiener Rathauses am Dienstagabend. Eine Japanerin im roten Dirndlkleid, afrikanische Frauen in leuchtenden Abendroben, Männer in Anzügen huschten vorbei, trotz Hitze und Fußball-EM. Die mehr als 200 Gäste hatten eins gemeinsam: Alle waren Neo-Wiener. Mit Familienmitgliedern waren sie zum Feiern gekommen.

6754 Einbürgerungen gab es 2011 österreichweit, 44.694 waren es im Rekordjahr 2003. - © Stanislav Jenis
6754 Einbürgerungen gab es 2011 österreichweit, 44.694 waren es im Rekordjahr 2003. - © Stanislav Jenis

Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger überreichte jedem neuen Wiener eine Gratulationsurkunde. "Danke, dass Sie sich für die österreichische Staatsbürgerschaft entschieden haben, Wien zu ihrem Lebensmittelpunkt gewählt haben, sich bemüht und es geschafft haben", unterstrich sie. Alle seien "in unserem Rathaus, in unserer Stadt Wien" willkommen, Wien traditionell eine Einwanderungsstadt.

"Nach Wien haben mich die Liebe und das Studium geführt", erzählt die Ex-Japanerin im Dirndlkleid. Frau Harüko - mit Künstlernamen Lilli Fortuna - lebt seit 26 Jahren in der Bundeshauptstadt: "Ich liebe Wien und die deutsche Sprache", schwärmt sie. Sie sammle vierblättrige Kleeblätter: Mehr als 1000 Stück habe sie. Diese brächten Glück, sie habe fast alle in Österreich gefunden, teils mit zwölf Blättern.

Das Erlangen der Staatsbürgerschaft war für Harüko nicht nur ein rechtlicher, sondern ein sehr emotionaler Schritt: "Ein Zeichen, dass ich zwei Kulturen angehöre." Die Künstlerin hat keine Gewissensbisse wegen des Ablegens ihres japanischen Passes. "Wir alle sind Menschen auf dem Planeten Erde. Staatsbürgerschaften sind nicht entscheidend. Wichtiger ist es, unsere Mitmenschen zu lieben, ohne auf deren Hautfarbe oder Herkunft zu achten", sagt Harüko.

In Wien verliebte sich auch die Russin Anna, die gemeinsam mit ihren drei Söhnen die Gratulationsurkunde als Neo-Wienerin verliehen bekam. Sie lernte ihren Mann aus Nigeria via Internet kennen. Seit fast neun Jahren lebt sie hier. "Das erste Mal kam ich als Touristin und war begeistert. Es war so anders als Moskau", sagt Anna. Ihr Ehemann ist bei einem großen Lebensmitteleinzelhändler beschäftigt. Nach der Karenz wird Anna wieder als kreative Schneiderin arbeiten. Ein Jahr hat das Einbürgerungsverfahren für sie und ihre drei Söhne gedauert und zirka 2000 Euro gekostet. "Es war sehr teuer. Wir haben das gewusst und extra dafür gespart", sagt der Ehemann. "Ich dachte, dass es kompliziert wird, noch eine Heimat neben Russland zu finden. Mittlerweile fühle ich mich zuhause. Mein Leben gefällt mir so, wie es ist", erzählt Anna. Die alte Heimat bleibt in der Familie präsent. Ihr Mann und die Kinder verstehen und sprechen Russisch.

Weniger gesetzliche Hürden

All die Hürden, wie lange Wartezeiten, nehme sie sehr wohl wahr, gestand Frauenberger. Gesetzliche Verbesserungen seien geplant, nur könne man per Gesetz kein gutes Klima verordnen. Hier brauche es eine breite Vereinbarung der Wiener selbst. Es sei daher wichtig, bei der Wiener Charta mitzudiskutieren und gemeinsam für ein gutes, respektvolles, solidarisches Klima zu arbeiten.

Bessere Regeln für das Zusammenleben sind auch der einzigen Kopftuchträgerin beim Fest wichtig. Wafaa Abdelvahed kommt aus Kairo. Die Hausfrau lebt seit zehn Jahren in Wien und hat drei Töchter, die ebenfalls Wienerinnen wurden. "Ich habe beschlossen hier zu bleiben", sagt sie. Ihr Ehemann, ein Geschäftsmann, ist seit fast seit 30 Jahren hier ansässig. Zwei Jahre dauerte das Prozedere, rund 5000 Euro wurden ausgegeben, Übersetzungen und Beglaubigungen der Dokumente inklusive. "Die Staatsbürgerschaft ist für uns wertvoll", sagt Herr Abdelvahed. Für seine Frau war es kein Loyalitätskonflikt, die ägyptische Staatsbürgerschaft abzutreten. Die Neo-Wienerin fühle sich hier zuhause, nicht in Kairo. Neben arabischem Essen koche sie auch Schnitzel.

Voriges Jahr wurden 2071 Personen Neo-Wiener. 18 Prozent kamen aus der Türkei, 32 Prozent aus Ex-Jugoslawien.