Sandra Frauenberger beim Charta-Start. - © Ismail Gökmen/PID
Sandra Frauenberger beim Charta-Start. - © Ismail Gökmen/PID

Wien. "Ich brauch die Charta nicht!" Diesem ersten Impuls sind die Gesprächsteilnehmer der multireligiösen Plattform in der Auferstehungskirche in Wien-Neubau dann aber doch nicht gefolgt. Zwei Stunden wurde der Satz erweitert um "wenn alle Wiener Buddhisten wären". Eine weitere Schlussfolgerung: Die Sieben-Tage-Adventisten sind gar nicht so extrem. Anfangs hieß es noch: "Aufpassen, die essen kein Schweinefleisch!" An Image hat diese Glaubensgemeinschaft zugelegt, seit bekannt ist, dass ihr der Fußballspieler David Alaba und seine Familie angehören.

Es war nicht das einzige Charta-Gespräch der Stadt Wien, das sich dem interkulturellen Zusammenleben widmete. In der Pfarre der Großfeldsiedlung wurden Moderatorin und Moderator zunächst skeptisch begrüßt, denn "die werden zu uns ja von der Stadt geschickt. Was kann man von denen schon erwarten?" Und überhaupt: "Was das Ganze wieder kostet!"

Die Hoheit über die Parks sei ja schon längst "von den Unsrigen an die Türken" verloren gegangen, war zunächst zu hören. Im Laufe des Gesprächs kam man freilich auf eine ganz andere Ursache für den Streit zu sprechen: auf den Konflikt zwischen Jung und Alt. Darauf wiesen besonders die heute 40-Jährigen hin, die in der Siedlung aufgewachsen sind. Sie können sich an ähnliche Streitereien erinnern, als sie selbst einmal anders ausgeschaut haben: Vollbart, lange Haare, seltsame Kleidungsstücke, unverständlicher Musikgeschmack . . .

Eine weitere Frage konnte ebenfalls beantwortet werden, nämlich ob "die Gemeinde einen Plan B" hat, wenn sich im Herbst herausstellen sollte, dass "das ganze Charta-Getue nix gebracht hat . . ." Sie hat keinen Plan B, auch keinen geheimen.

Alte Einheimische versus junge Migranten

Zwei Teams stießen in einem Gemeindebau im Handelskai aufeinander. Team A: vier einheimische Bewohner, drei davon weiblich, ihr Durchschnittsalter beträgt 79, eine hat auch ein Kind. Team B: 20 männliche Bewohner mit großteils türkischem Migrationshintergrund, die zusammen sie 38 Kinder und ein Durchschnittsalter von 34 Jahren haben. Jetzt war es so weit, für die ganz große, hochaggressive Konfrontation: Kraft, Wut, Elternliebe und Zukunftsperspektiven auf der einen Seite; Ablehnung, Wagenburg-Mentalität, Verbitterung, völliges Unverständnis für die Bedürfnisse von Kindern auf der anderen. Eine Lösung des Konflikts ist nur in ganz kleinen Schritten vorstellbar, vielleicht war das Gespräch ein erster?

Gewonnen hat Team B: Es weiß, was es will, untereinander ist man sich hier einig und es bestand auch die Bereitschaft, um berechtigte Anliegen von Team A nach Ruhephasen und Altern in Würde anzuerkennen. Ab 18 Uhr wurde Helmut, vulgo "da Hömal", lauter und fuchtelte herum. Er ist Frühpensionist und braucht mindestens 20 Bier pro Tag. Die Eltern fürchteten, er könne ein schlechtes Vorbild für ihre Kinder sein. Doch sie waren dagegen gefeit. Auf die Frage des Moderators an den Zehnjährigen, ob "da Hömal" ein Vorbild sei, kriegt er fast einen Lachanfall.

Und was gibt es in der SPÖ-Sektion in Favoriten zu besprechen? "Jo, wir kennen uns ja schon seit 40 Jahren, was sollma euch da Neues erzählen." Nach der Vorstellungsrunde zeigte sich: Jeder Anwesende war im Durchschnitt 2,5 Mal verheiratet. Dass man ausgerechnet über die "Familienaufstellung" neue Antworten auf praktische Fragen - etwa "Wie geht es uns?" und "Wie schaut die Zukunft für meiner Kinder und Enkelkinder aus?" - finden würde, das hatte sich am Beginn keiner gedacht.