Wien. Ein bisher ungewöhnliches Bild bot sich vergangenen Samstag vor den Wiener Synagogen: Junge religiöse Mütter schoben ihre Babys im Kinderwagen zum Gottesdienst. Möglich wurde dies durch den eben fertiggestellten Eruv (Hebräisch: Mischung). Ein Eruv ist eine "virtuelle Stadtmauer", erklärt der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch.

Am Schabbat verboten: Kinderwägen schieben. - © Dave Bartruff/CORBIS
Am Schabbat verboten: Kinderwägen schieben. - © Dave Bartruff/CORBIS

Wien ist damit nach London und Antwerpen die dritte europäische Stadt mit einer solchen Einrichtung. "In den USA und Israel ist ein Eruv in vielen Städten gang und gäbe", erzählt Deutsch. Für die religiösen Juden Wiens sei die Fertigstellung des Eruv "eine große Sache", betont der IKG-Präsident gegenüber der "Wiener Zeitung". "Das war es, was ihnen noch gefehlt hat."

Verbot, Arbeit zu verrichten

Am Schabbat ist es Juden verboten, Arbeit zu verrichten - darunter fallen auch so einfache Tätigkeiten wie einen Lichtschalter zu betätigen, etwas zu tragen - oder eben einen Kinderwagen oder einen Rollstuhl zu schieben. Arbeit meint dabei nicht so sehr, dass eine Tätigkeit anstrengend ist, sondern dass dadurch etwas Neues geschaffen wird.

Observante Juden halten sich an dieses Verbot, weshalb Mütter kleiner Kinder den Samstag oft ausschließlich in der Wohnung verbringen. Aber auch Gehbehinderte konnten bisher in der Bundeshauptstadt dem Schabbat-Gottesdienst nicht beiwohnen, denn weder darf ein Rollstuhl geschoben noch ein Gehstock benutzt werden.

Der Eruv, ein über 2000 Jahre im Judentum angewandtes Konzept, zieht eine symbolische Grenze um einen Stadtteil oder ein Viertel und erlaubt in diesem dann all das, was auch innerhalb der eigenen Wohnung möglich ist: Kinder oder Essen zu tragen, aber eben auch Gehhilfen zu benutzen. Nicht erlaubt wird dadurch jedoch beispielsweise das Benutzen eines Regenschirms oder das Mitbringen eines Geschenks zur Schabbat-Einladung.

25 Kilometer lang

Gebildet wird dieser Eruv in Wien vor allem durch natürliche Grenzen wie der Donau, aber auch Stromleitungen oder Bahntrassen wie der ÖBB und der Wiener Linien. Man habe dabei mit den verschiedenen Magistratsabteilungen der Stadt Wien bestens kooperiert, betonte Deutsch. Seitens der Wiener Stadtwerke sagte Sprecher Thomas Geiblinger, man habe die IKG hier natürlich gerne unterstützt. Dort, wo es Lücken gab, wurde die symbolische Begrenzung durch das Spannen etwa von Schnüren geschlossen.

Der Wiener Eruv ist rund 25 Kilometer lang und umschließt die Bezirke eins bis neun sowie den 20. Gemeindebezirk. Wie die Streckenführung im Detail verläuft, will man in der IKG nicht bekanntgeben, um Vandalismus vorzubeugen.

Die Kultusgemeinde prüft nun Woche für Woche, ob der Eruv auch intakt ist. Nur, wenn die virtuelle Stadtmauer unbeschädigt ist, gilt der Eruv als koscher. Observante Juden können sich jeweils vor Schabbatbeginn am Freitag auf der Internetseite www.eruv.at darüber informieren. Errichtet wurde der Eruv ausschließlich aus Spendengeldern. Wie viel dieses Projekt, das bereits vor insgesamt neun Jahren seinen Anfang nahm und vor mittlerweile fünf Jahren durch eine Unterschriftenaktion orthodoxer Jüdinnen massiv eingefordert wurde, genau gekostet hat, dazu will sich Deutsch allerdings nicht äußern. Er betont lediglich: "Es wurde hier kein Cent öffentliches Geld aufgewandt." Auch die laufende Instandhaltung des Eruv werde nur durch Spendengelder finanziert.