Radikale Tendenzen ortet Rabbiner Stephen Fuchs zurzeit auch im Judentum. - © Wiener Zeitung
Radikale Tendenzen ortet Rabbiner Stephen Fuchs zurzeit auch im Judentum. - © Wiener Zeitung

Rabbiner Stephen Fuchs, Präsident der Weltunion für progressives Judentum, hat vergangene Woche im Gespräch mit Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien die Möglichkeiten ausgelotet, wie die Wiener jüdische Reformgemeinde Or Chadasch die von ihr gewünschte Anerkennung als Kultusgemeinde bekommen könnte. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" spricht Fuchs über die Unterschiede zwischen Orthodoxie und liberalem Judentum, erklärt aber auch, dass ihm der religiöse Extremismus Sorge macht.

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"Wiener Zeitung": Worin sehen Sie den Unterschied zwischen traditionellem und Reformjudentum?

Stephen Fuchs: Er liegt in der Autorität der Tora. Kommt sie direkt von HaSchem (also Gott, Anm.) aus dem Himmel zu Moses und ist von uns unabänderlich hinzunehmen und zu befolgen? Oder ist sie - wie wir Reformjuden glauben - ein menschliches Dokument, verfasst zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen Autoren und schließlich zusammengeführt und endredigiert in der Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, natürlich mit göttlicher Inspiration, aber doch eine von Menschen verfasste Schrift, die man auch durchaus kritisch diskutieren kann?

Ein Beispiel: Diese Woche, zu Jom Kippur (dem Versöhnungstag), wird in den Synagogen die Geschichte von Jonas und dem Wal vorgetragen. Wo liegt hier aus Ihrer Sicht der Wahrheitsgehalt?

Die Wahrheit hat verschiedene Bedeutungen. Wenn wir die Geschichte von Jonas hören, fragen wir nicht, ob er drei Tage im Bauch des Wals überleben konnte, und auch nicht, ob er unverletzt wieder von dem Tier ausgespuckt werden konnte, sondern wir fragen, was wir daraus lernen können. Denn die Tora bedeutet Unterricht, Anleitung. Wir suchen nicht die sichtbare, historische oder wissenschaftliche Wahrheit. Wenn mich Leute fragen, ob Abraham oder Moses wirklich existiert haben, sage ich, ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Aber ich kann erzählen, was ich durch die Geschichten von Abraham und Moses gelernt habe, welche Wahrheit ich für mich daraus mitnehmen kann und wie sie mir hilft, ein besserer Mensch zu sein.

Sie hatten vergangene Woche ein Gespräch mit Oskar Deutsch, dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien. Darin ging es um den Status von Or Chadasch - der Verein wäre ja gerne Mitglied der Dachorganisation IKG. Doch es spießt sich in verschiedenen Punkten, vor allem aber in der Frage der Anerkennung von Übertritten zum Judentum. Haben andere liberale jüdische Gemeinden mit ähnlichen Problemen zu kämpfen?

Jede Gemeinde hat ihre spezifischen Probleme, aber ja, vor allem die Gemeinden in Europa und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kämpfen um Anerkennung. Hier haben der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg beziehungsweise die Politik danach für das Reformjudentum einen massiven Kahlschlag gebracht. Die Situation, eine Minderheit innerhalb einer Minderheit zu sein, finden wir in einer Reihe von jüdischen Gemeinden. Und natürlich geht es hier auch um Macht. Als US-Präsident Barack Obama sich mit einem Vertreter des Judentums treffen wollte, hat er sich uns dazu ausgesucht - weil wir in den USA die Mehrheit sind. Hier in Österreich wird sich der Kanzler an die IKG wenden, weil sie stärker ist.

Dennoch hoffen wir, dass Or Chadasch in Wien eines Tage entweder Teil der IKG oder eine eigene Kultusgemeinde sein wird. Ich weiß, dass es einiges gibt, woran die Orthodoxie und wir gemeinsam glauben. Ich weiß aber auch, dass viele orthodoxe Rabbiner die Erklärung zur Tora, wie ich sie zuvor in unserem Gespräch skizziert habe, als Blasphemie deuten würden.

Was ich aber auch ganz klar sagen möchte: Die Weltunion für progressives Judentum ist nicht an einem Schisma, an einer Spaltung des Judentums, interessiert. Wenn es um das Thema Antisemitismus oder die Beschneidung geht, dann haben wir eine gemeinsame Position und halten zusammen. Es gibt aber Unterschiede in bestimmten Fragen des jüdischen Alltags und Glaubens.

Was konnten Sie in dem Gespräch mit IKG-Präsident Deutsch erreichen?

Das Treffen fand in einer sehr freundlichen, warmen und offenen Atmosphäre statt. Aber natürlich war nicht zu erwarten, dass der IKG-Präsident sagen würde: Wir öffnen unsere Türen und heißen euch als Teil der IKG willkommen. Ich will es mit dem Säen von Samen vergleichen. Du setzt sie ein und hoffst, dass Pflanzen zu wachsen beginnen. Aber das braucht Zeit. Man muss geduldig sein.

Schlagzeilen macht dieser Tage der Aufruhr in der islamischen Welt über einen Anti-Islam-Film, bei dem bereits Menschen zu Tode kamen. Kommentatoren orten einen zunehmenden religiösen Extremismus. Wie ist Ihre Einschätzung?

Unsere Tradition unterstreicht die freie Meinungsäußerung, und das ist wichtig. Wir begrüßen offenen Diskurs und Kritik. Gleichzeitig sind wir angesichts der aktuellen Entwicklungen besorgt, denn wir sehen, dass sich die Welt immer rascher teilt: Auf der einen Seite finden sich jene, die sich über Religion lustig machen, von Märchen sprechen, auf der anderen Seite haben wir die Extremisten.