Wien. Etwas mehr als 70 Prozent der jüdischen Kinder besuchen in Wien eine der vier jüdischen Schulen. "Das ist für eine europäische Stadt außergewöhnlich", betont Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien für religiöse Angelegenheiten. Die Ausrichtung der einzelnen Schulen reicht von zionistisch bis streng orthodox. Was ihnen allen gemeinsam ist: Es geht darum, den Kindern von klein an Jüdischkeit zu vermitteln. Religionsunterricht alleine reicht dazu nicht aus. Auf dem Stundenplan stehen auch Hebräisch und jüdische Geschichte.

Die von der IKG selbst geführte "Zwi Perez Chajes"-Schule gab es bereits vor der NS-Zeit. Jahrzehnte später wurde sie zunächst als Volksschule wiedereröffnet, später kam auch das Gymnasium dazu. Die heute Mitte-30 Jährigen haben bereits an der ZPC-Schule maturiert. Untergebracht ist die Schule inzwischen am IKG-Campus im Prater. Was sich durch die Schule verändert hat, beschreibt Natalie Neubauer, selbst Absolventin und heute Vorsitzende des Schulvereins, so: "Die Schule ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Und ich glaube, dass dieses Selbstverständliche der jüdischen Schule auch einen Teil unseres Selbstbewusstseins als jüdische Gemeinde darstellt."

Ebenfalls bis zur Matura führt die Lauder-Chabad-Schule im Augarten. Sie wird von der Chabad-Bewegung, einer chassidisch-orthodoxen Bewegung, geführt. Chabad ist seit mehr als 30 Jahren in Wien aktiv und kümmerte sich von Beginn an besonders
um bucharische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die Chabad schon aus der Heimat kannten, so Rabbiner Jacob Biderman. Rasch war klar, dass es einen Bedarf an Betreuung der Kinder gab.

Sowohl die ZPC- als auch die Lauder-Chabad-Schule werden von vielen Kindern mit Migrationshintergrund besucht, die meisten wurden aber in Wien geboren. Sprachförderkonzepte helfen an beiden Standorten jenen, die Unterstützung benötigen. Den Eltern wird der Rat gegeben, im Gespräch mit den Kindern jene Sprache zu benutzen, die sie selbst am besten beherrschen. In manchen Wiener jüdischen Familien ist dies Russisch, in anderen Hebräisch. Dafür braucht manches Kind aus einer alt eingesessenen Wiener Familie wieder besondere Förderung in Hebräisch. Auch dafür ist gesorgt, wird an der ZPC-Schule betont.

Auch geschlechtergetrennt

Zwei weitere Schulen, die ebenfalls in der Leopoldstadt angesiedelt sind, unterrichten geschlechtergetrennt, führen nicht bis zur Matura und sind auf das Religiöse fixiert. Auch hier findet Profanunterricht statt. Burschen, die hier zur Schule gehen, schließen meist die "Wiener Jeschiwe" an: Hier wird man etwa zum Maschgiach, einem rituellen Aufseher in der koscheren Gastronomie, ausgebildet. Wer Rabbiner werden möchte, der muss an eine Jeschiwe in England, den USA oder Israel gehen. Für junge Frauen gibt es ähnliche Institutionen.

Einen Lehrberuf erlernen kann man am Jüdischen Beruflichen Bildungszentrum (JBBZ), das Ausbildungen in IT-Technik, Orthopädietechnik, Büromanagement, Bankenwesen und Buchhandel bietet. Jede Lehre kann mit der Berufsreifeprüfung abgeschlossen werden. Ilan Knapp, Gründer des JBBZ, ist stolz darauf, dass über 90 Prozent der Absolventen Beschäftigung finden.

Nach der Matura kann man in Wien auch an jüdischen Einrichtungen studieren. Chabad bietet eine Ausbildung zur Religionspädagogin an, und an der Lauder Business School gibt es eine wirtschaftliche Ausbildung auf Fachhochschul-Niveau. Wie an allen jüdischen Schulen wird hier auch koschere Verpflegung geboten und, man richtet sich nach dem jüdischen Jahreskreislauf.