Wien. Assimilation sei schlecht, Integration wichtig, betont der serbisch-orthodoxe Pfarrer Petar Pantic vor 30 Jugendlichen. Assimilation führe zum Verschwinden der eigenen Identität, Integration bedeute hingegen Offenheit für die Gesellschaft. Natürlich: "Die Erde Gottes ist überall." Ein Bub bringt sich ein: "Es liegt nicht nur an uns. Wir sind offen. Es liegt an den Einheimischen. Viele akzeptieren uns nicht und sind gegen Zuwanderer." Eine andere Teilnehmerin hakt nach: "Egal, wie gut man sich integriert: Wenn einen die anderen nicht akzeptieren, kann man nichts machen."

Wir befinden uns beim Workshop "Fremd sein - zu Hause sein", der am Wochenende im Rahmen des Ersten Panorthodoxen Jugendtreffens Österreichs stattgefunden hat. Alle orthodoxen Konfessionen - mit Ausnahme der orientalisch-orthodoxen Kirchen - waren am Treffen beteiligt. Aus zehn Workshops konnten am Samstagnachmittag die 405 aus ganz Österreich angereisten Jugendlichen wählen. Veranstaltungsort war die Kirchliche Pädagogische Hochschule in Wien-Strebersdorf. Nach dem Wunsch der orthodoxen Bischofskonferenz, von der die Idee zum Treffen geboren wurde, soll sich Österreichs orthodoxe Jugend hier besser kennenlernen.

Eine Feuerstelle erinnert an die Kreuzesauffindung. - © Milagros_Martinez-Flener
Eine Feuerstelle erinnert an die Kreuzesauffindung. - © Milagros_Martinez-Flener

Der anwesende Religionslehrer Mladen Dobrilovic hat schon einige Integrationserfahrungen hinter sich, wie er den Workshop-Teilnehmern erzählt. Der Sohn serbischer Eltern wurde in Deutschland geboren. "Als ich im Kindergarten meinen Vornamen nennen musste, wurde ich ausgelacht: Haha, das klingt wie Marmelade. Als ich später in Belgrad studiert habe, war ich der Schwabo." Seit acht Jahren unterrichtet er in Wien, seine Kinder sind hier geboren. "Mein sechsjähriger Sohn hält beim Fußball zu Serbien, aber ebenso zu Rapid. Ich habe gelernt: Es ist nicht so wichtig, wo du geboren wirst. Mich stören Nationalismen, wie: Gott schütze die Serben oder Kroaten. Was ist mit den anderen? Solche Leute verstehen nichts von christlichen Grundwerten." Die nationale Identität sei vergänglich, erzählt er den Schülern. "Von Jesus lernen wir etwas Unvergängliches."

Die meisten orthodoxen Jugendlichen in Österreich haben serbische Wurzeln, andere kommen unter anderem aus Rumänien, Griechenland, Bulgarien und Russland. "Ich freue mich, hier die versammelten Gläubigen der vielen verschiedenen orthodoxen Traditionen zu sehen. Diese Vielfalt ist sicher einer der größten Schätze, den unser Glaube hervorgebracht hat", betonte der griechisch-orthodoxe Metropolit und Vorsitzende der orthodoxen Bischofskonferenz Arsenios Kardamakis beim Eröffnungsgottesdienst. Doch die Veranstaltung sei auch ein "Zeugnis der Einheit unserer Kirche", wie er gegenüber der "Wiener Zeitung" erklärt.

Einige Jugendliche sind extra aus Vorarlberg mit ihrem Religionslehrer angereist. Von der Veranstaltung sind sie begeistert, vor allem wegen der großen Anzahl an teilnehmenden Jugendlichen und Priestern. Nur sei über manche Themen zu oberflächlich gesprochen worden. Sehnsucht in das Herkunftsland ihrer Eltern - Serbien - hätten sie schon, aber nach zwei Monaten Sommerurlaub bei den Verwandten wollten sie dann doch wieder zurück. Österreich sei ihre Heimat, Serbien ihr Vaterland, betonten sie beim Workshop mit dem Militärseelsorger Alexander Lapin. In Vorarlberg funktioniere die Integration auch schon andersrum. "Viele Österreicher und Türken gehen bei uns in die serbischen Discos", erzählt ein Jugendlicher stolz.

Die langen Schatten
des Kommunismus

In Österreich seien die orthodoxen Christen gut integriert, meint Metropolit Arsenios Kardamakis. "Österreich ist uns eine gastfreundliche Heimat geworden", hielt er beim Gottesdienst fest. "Es ist das Land, das es uns ermöglicht, unseren Glauben zu leben und zu entfalten." Das ist in vielen Herkunftsländern der orthodoxen Christen nicht selbstverständlich. "Unter Tito durften wir nicht einmal Gottes Namen in der Schule nennen", erinnert sich Branislav Djukaric, Fachinspektor und Leiter des Schulamtes. Er stammt aus Bosnien. Speziell die serbisch-orthodoxe Kirche habe leiden müssen, da sie im Gegensatz zur katholischen Kirche keine Anbindung an den Vatikan gehabt hat. Doch auch heute sei die Lage in Österreich besser als in vielen orthodoxen Ländern. "In Russland oder in Bulgarien gibt es keinen Religionsunterricht."

Seit 20 Jahren wird in Österreich christlich-orthodoxer Religionsunterricht erteilt. "Viele Familien stammen aus kommunistischen Ländern und sind nicht kirchlich sozialisiert", erzählt der Religionslehrer Pashalis Archimandritis. Zurzeit gibt es österreichweit erst 80 orthodoxe Religionslehrer, meist unterrichten sie nachmittags in eigens zusammengestellten Gruppen. Etwas mehr als 10.000 Schüler nehmen am Unterricht teil, viele davon kommen aus religiösen Familien. Bei einigen würden aber sympathische Religionslehrer das Interesse an Religion wieder wecken, berichtet Archimandritis.