"Das Wiener Vorstadttheater bildet eine Plattform, auf der Menschen ihre Probleme künstlerisch ausdrücken - ohne Mitleidseffekt. Konfliktbewältigung und Selbstermächtigung finden im Prozess der Probearbeiten statt." Michalke versteht integratives Theater als therapeutischen Prozess, jedoch "ohne ein Therapieinstitut zu sein. Wir bieten am Ende eine Theatervorstellung."

Bunter Darsteller-Mix

Im Falle des türkisch-kurdischen Shakespeare-Stückes dient der therapeutische Ansatz wohl mehr dem Publikum, denn die beteiligten Schauspieler sind sowieso schon einen Schritt weiter im Aufeinanderzugehen der beiden Völker. Gefunden hat Michalke die meisten Darsteller über Kulturverantwortliche der türkischen und kurdischen Vereine. Durch Mundpropaganda ist ein bunter Mix zusammengekommen.

Von 16 bis 60 reicht die Altersspanne; mit dabei sind Wiener Schüler, eine türkische Studentin, Arbeiter und Beamte. Manche haben schon Theatererfahrung, wie Puck-Darstellerin Melike Kartal, die im Rabenhof bei "Kottan" mitspielte. Ein Großteil der kurdischen Schauspieler rekrutiert sich aus der kurdischen Theatergruppe Teatropotamia, die 2004 in Wien gegründet wurde. Sie spielen erstmals auf Deutsch, der Hauptsprache in "Imagine Shakespeare". Kurdische und türkische Sätze sind dazwischen eingefügt.

Regisseur Michalke hat bisher gute Erfahrungen mit mehrsprachigen Inszenierungen gemacht. "Warten auf Godot" führte er etwa in Englisch, Deutsch und Arabisch auf, in Gorkys "Nachtasyl" ließ er die Schauspieler Russisch und Deutsch sprechen. "Die Spracheinsprengungen sind auch ein dramaturgisches Mittel, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erhöhen. Denn wenn sie nicht alles verstehen, müssen sie dem Sinn aus dem Zusammenhang nachfolgen. Es ist eine zusätzliche Anregung, dem Stück intellektuell zu folgen."

Die türkischen und kurdischen Passagen haben die Schauspieler selber übersetzt, was gar nicht so einfach war, gerade für diejenigen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die mussten mit dem Text kämpfen. Regisseur Michalke will, dass sich die Teilnehmer selbst einbringen können. So hat das Ensemble zusätzlich noch Lieder und Tänze eingebaut - etwa einen englischen Popsong, ein türkisches Liebeslied oder einen kurdischen Hochzeitstanz. Diese Elemente bieten die Möglichkeit, kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken.

Die Darstellerin der Titania, Studentin Eda Güven, drückt es so aus: "Wir sind ähnlich - aber nicht identisch. Die Sprache ist komplett anders und die Kultur ist auch unterschiedlich. Trotzdem leben wir seit vielen tausend Jahren zusammen." Oberon Recep Bektas freut sich, dass Shakespeare zumindest in Auszügen einmal auf Kurdisch aufgeführt wird. Die Kollegen vom Dachverband werden sicher zur Aufführung kommen. Erwartet werden der türkische Generalkonsul und Bundespräsident Heinz Fischer. Vielleicht werden sie alle ja auch noch mitspielen, im "Sommernachtstraum".